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Erinnerung an schlimme Tage im April 1945

Levern -

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Auf einer Erinnerungstafel „Auf dem Buchhof“ in Levern heißt es: Bei der Besetzung von Levern am 04. April 1945 haben deutsche Truppen britische Panzer außer Gefecht gesetzt. Im Gegenzug wurden von den Englängern 48 Häuser in Brand gesetzt.  Von Toten steht auf der Erinnerungstafel nichts geschrieben.

Dänemark, Minden, Lübbecke, Levern: Werner W. (85) aus Lübbecke ist einer der wenigen lebenden Zeitzeugen, die sich noch recht gut an die verhängnisvollen Tage im April 1945 in Levern erinnern können. Der gebürtige Lübbecker hatte sich mit 17 Jahren freiwillig zu den Fliegern der HJ (Hitler Jugend) gemeldet und war nach Dänemark abkommandiert worden. In Dänemark hatte man aber keine Zeit mehr für eine Fliegerausbildung. So wurde der junge Freiwillige aus Lübbecke in nur drei Monaten zum Infanteriesoldaten ausgebildet.

In der Heimat brannte es inzwischen an allen Ecken und Kanten. Vom Norden Dänemarks ging es mit dem Zug nach Minden und von dort aus auf Schusters Rappen über Lübbecke nach Levern. In Levern angekommen, übernachteten die jungen Soldaten auf Heuböden bei verschiedenen Bauern.  Aber nicht lange.

Als die Engländer kamen, verschanzte sich Werner mit seinen Kameraden und einem 40-jährigen Hauptmann auf dem Friedhof von Levern. „Wir hatten in bereits ausgehobenen Gräbern Deckung gesucht und waren zum Kampf bereit“, berichtet Werner W. unseremReporter. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.  Inzwischen hatten englische Panzer den Ortskern umzingelt und kamen immer näher. „Wenn wir jetzt Gegenwehr geleistet hätten, wäre das mit Sicherheit unser Todesurteil gewesen“, so Werner mit Tränen in den Augen. Mit Gewehren gegen Panzer - ein aussichtsloser Kampf. Der Hauptmann erkannte als erster die Gefahr, in der sich seine Soldaten befanden – und kapitulierte. Ging mit weißer Fahne den englischen Soldaten entgegen und rettete sich und seinen Soldaten somit das Leben. Nach sechs Monaten Kriegsgefangenschaft in Belgien kam Werner wieder zurück zu seiner Familie nach Lübbecke. Der Stadt am Wiehengebirge ist der rüstige Rentner, der kürzlich seinen 86. Geburtstag gefeiert hat, bis heute treu geblieben.

Fritz K. (81) aus Levern kann sich auch noch gut an den 4. April 1945 erinnern. Mit seinen damals 13 Lenzen hat Fritz Kramer den Krieg hautnah miterlebt. „Mit Brandgranaten hatten die Englänger den Ortskern beschossen und die „Judenstraße“ in unmittelbarer Nähe unseres Familienhauses in ein brennendes Inferno verwandelt. Ich hörte die Panzer näher kommen; hinter unserem Hof hatten sich deutsche Soldaten mit einem MG in Stellung gebracht. Als sie mich erblickten, haben sie mich sofort wieder ins Haus zurückgeschickt. In unserem Keller habe ich mich dann versteckt. Bis zu diesem Zeitpunkt war unser Hof von Kampfhandlungen und Feuer verschont geblieben“, so der rüstige Rentner im einem Gespräch mit unseremReporter.

Durch starken Westwind und Funkenflug war das Feuer dann aber auch auf den Hof der Familie Kramer übergesprungen. Zum Glück war der Kampf um Levern um 14 Uhr beendet. Der Kampf gegen die Feuersbrunst fing in Levern dann aber erst an. „Zum Glück hatten wir eine volle Regentonne voll Wasser hinterm Haus. „Ja, ich habe damals beim Löschen mitgeholfen“, schmunzelt Fritz Kramer und erinnert sich an die alte Luftschutzspritze hinterm Haus, mit der man über sieben Meter weit spritzen konnte. „Ich habe immer das Wasser rangeholt, und mein Vater konnte mit der Luftschutzspritze erfolgreich das Feuer in unserem Haus bekämpfen.  

 

Rückblende: Im Herbst 1944 waren in Levern Einheiten der Waffen-SS aus dem Regiment „Leibstandarte SS Adolf Hitler“ einquartiert worden. Zur Verteidigung von Levern wurden darüber hinaus 500 junge deutsche Soldaten aus Dänemark abkommandiert, darunter auch der damals 17-jährige Werner aus Lübbecke. Anfang April 1945, wenige Wochen vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, wurden Jugendliche, schlecht ausgebildete Soldaten, ins Kampfgeschehen um Levern mit einbezogen.

Englische Soldaten waren mit Panzern vom Bohmte kommend durch die Ibbenburger Tannen auf dem Vormarsch und hatten am Ortseingang, kurz hinter der Lohne-Brücke, am Haus von Meta L. (inzwischen verstorben)  Stellung bezogen. Das Schicksal für die Bevölkerung der damals 1500 Einwohner zählenden Ortschaft spielte Regie, als ein französischer Zivilarbeiter nach deutschen Truppen im Ortskern von Levern befragt wurde und er das mit einem klaren „NEIN“ beantwortete. 

Und das entsprach auch der Wahrheit. Niemand im Haus von Meta L. hatte eine Ahnung davon, dass sich junge Männer im Alter von 18 Jahren rund um die Stiftskirche in Stellung gebracht hatten. Das Schicksal nahm seinen Lauf, als der erste Schuss fiel und ein Engländer in der Turmluke seines Panzers tödlich getroffen wurde. Danach überschlugen sich die Ereignisse. Levern wurde mit Panzern unter Beschuss genommen. Es gab Tote und Verletzte auf beiden Seiten. Die Verwundeten wurden noch in den späten Abendstunden in das Krankenhaus nach Ostercappeln gebracht. Viele sind auf dem Weg dorthin noch gestorben.

Erna K. (86) erlebte den Einmarsch der englischen Truppen als 19-jähriges Mädchen. Erna war aus Bielefeld zum Arbeitsdienst nach Levern einberufen worden. Sie lebte dort in einem so genannten „Maidchenlager“ (Mädchenlager)  mit anderen jungen Frauen zusammen. Als die ersten Schüsse in Levern fielen, versteckte sich Erna  in der Nähe des Haus Levern Nr. 68. Die jungen Frauen hörten die Panzer näher kommen. Ein Soldat kletterte aus seinem Panzer und kam mit entsicherter Pistole zum Versteck der Frauen. Das Herz schlug den Frauen bis zum Hals, als sie in den Mündungslauf seiner Pistole schauten. Der Soldat verschonte die Frauen und bezahlte dafür wenig später mit seinem eigenen Leben. Deutsche Soldaten, die meisten waren gerade 18 Jahre jung, hatten das Feuer eröffnet und den englischen Soldaten tödlich getroffen.

Wie von Zeitzeugen berichtet wird, wollte ein Unteroffizier die „Schulbuben“ bei der ersten besten Gelegenheit wieder nach Hause schicken. War dann aber selbst bei einem Erkundungsgang zwischen die Fronten geraten und tödlich verletzt worden. Von da an waren die jungen Kämpfer allein mit ihrem Befehl, ihre Stellung in Levern zu halten. Jetzt waren die acht jungen Burschen allein mit ihrer Angst und ihrer Verzweifelung, die sie zu unberechenbaren Kämpfern machen sollten.

Am 4. April 1945 erfüllte sich das Schicksal dieser acht jungen Männer. Sie verteidigen den Ortskern von Levern, beschießen Panzer und werden grausam der Wirklichkeit des Krieges gewahr. Das Ende des Zweiten Weltkrieges haben sie nicht mehr miterlebt. Schlichte Kreuze mit ihren Namen erinnern auf dem Leverner Friedhof an den Tag, an dem Levern brannte  und acht junge Männer für ihr Vaterland gefallen sind. Bei dem sinnlosen Kampf um Levern fanden kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges sechs Zivilpersonen, zehn deutsche und fünf englische Soldaten den Tod. Die deutschen Soldaten wurden auf dem Leverner Friedhof beigesetzt.

Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg vorbei.  68 Jahre nach Kriegsende zeigt sich der kleine Stiftsort von seiner schönsten Seite. Mit über 2.400 Einwohnern ist Levern mächtig gewachsen und mit seinen alten restaurierten Fachwerkhäusern richtig schön geworden. „Und das soll auch so bleiben“, berichtet Fritz Kramer, der als junger Bub den Kampf um Levern miterlebte. Eine Gedenktafel und ein Riesenfindling im Ortskern sollen an die schreckliche Zeit erinnern. (Text und Fotos: Presse-BILD-Agentur Martin Kemper)

Hier lesen Sie Kommentare von HALLO LÜBBECKE Facebook-Fans:

Roland: „Wer sich über die unterschiedlichen lokalen Ereignisse informieren will, die es im Altkreis Lübbecke währende der NS-Zeit geben hat, der wird feststellen, dass es bis heute keine Publikation zu diesem Thema gibt. Die Ereignisse des 1. Weltkrieges sind in umfassender Form von Heinz-Ulrich Kammeier dokumentiert worden. Über den 2.Weltkrieg gibt es nichts vergleichbares. Kaum zu glauben, aber wahr !!“

Gabriele: „gab es in Nettelstedt auch. am 6. April wurde meine Tante, damals 6 Jahre alt, von den Besatzungstruppen erschossen.“

Guido:"Wir hatten in bereits ausgehobenen Gräbern Deckung gesucht und waren zum Kampf bereit". Vermutlich waren Gräben gemeint. Aber damals wurden schnell aus Gräben Gräber ....“