Charles Woods Markus-Passion begeisterte an Karfreitag
Lübbecke -

Dramatik und Innehalten: Die Kantorei an St. Andreas unter der Leitung von Rina Sawabe gestaltete die dramatischen Momente der „Markus-Passion“ mit eindrucksvoller Wucht, während die vierstimmigen Choräle als ruhende Pole der Aufführung dienten. Das Ensemble überzeugte durch klangliche Präsenz im weiten Kirchenraum.
Dass der Karfreitag in der Lübbecker St.-Andreas-Kirche nicht einfach mit einem gewöhnlichen Konzertbesuch enden würde, deutete sich bereits im Vorfeld an, als die Mitwirkenden um eine besondere Gunst baten: Schweigen statt Applaus. Und tatsächlich entließ die Aufführung von Charles Woods „Markus-Passion“ aus dem Jahr 1921 die Zuhörer in eine so dichte, vielsagende Stille, dass jedes Klatschen wie ein Bruch dieses spirituellen Moments gewirkt hätte. Unter der Leitung von Kreiskantorin Rina Sawabe verwandelte die Kantorei an St. Andreas gemeinsam mit einem exzellenten Solistenensemble das Gotteshaus in einen Ort tiefster Einkehr und musikalischer Exzellenz.
Wood, ein Großer der britischen Kirchenmusik und Lehrer von Ralph Vaughan Williams, schuf mit diesem Werk einen faszinierenden Brückenschlag. Einerseits tief in der anglikanischen Kathedralmusik und der Polyphonie eines Johann Sebastian Bach verwurzelt, ist seine Tonsprache andererseits von einer fast volkstümlichen Schlichtheit geprägt, die den Fokus radikal auf die Textverständlichkeit legt. Im Gegensatz zu den oft monumentalen barocken Passionen verzichtete Wood konsequent auf weitläufige Arien und setzte stattdessen auf eine Dramaturgie der Reduktion. Diese bewusste Konzentration lässt die Leidensgeschichte Christi unmittelbar und ohne künstliche Effekte erfahrbar werden.
Diese erzählerische Wucht wurde in Lübbecke vor allem durch die Solisten getragen. Der Tenor Goetz Phillip Körner fesselte als Evangelist mit einer rhetorischen Präzision, die das Publikum sicher durch die dramatischen Stationen von Gethsemane bis Golgatha geleitete. Ihm zur Seite stand der Bariton Timotheus Maas, der der Christusfigur eine beeindruckende menschliche Würde verlieh. Besonders sein verzweifeltes Flehen im Garten Gethsemane machte die göttliche Ergebenheit und zugleich die menschliche Zerbrechlichkeit greifbar. Eine darstellerische Herkulesaufgabe bewältigte der Bass Daniel Eggert, der mit enormer Wandlungsfähigkeit in die Rollen des Judas, des Hohenpriesters und des Pilatus schlüpfte und jedem Charakter ein messerscharfes Profil gab. Ergänzt wurde das Ensemble durch die Sopranistinnen Stefanie Kemena und Dorothee Freye, deren klare Akzente in der Verleugnungsszene die Ausweglosigkeit der Situation unterstrichen.
Das Rückgrat der Aufführung bildete die Kantorei, die den extremen Kontrast zwischen den aufpeitschenden „Turbae-Chören“ – wie den erschütternden „Kreuzige ihn!“-Rufen – und den andächtigen, vierstimmigen Chorälen meisterhaft auslotete. Begleitet wurde das Geschehen von der Organistin Ayumi Kitamura, die ihr Instrument mit meisterhafter Registrierung weit über eine bloße Begleitung hinausführte. Als eigenständige, charakterisierende Stimme gestaltete sie die Atmosphäre maßgeblich mit. Dank der transparenten Leitung Sawabes blieb die komplexe Struktur des Werkes für die Besucher in den gut besetzten Bankreihen stets nachvollziehbar, bis die Spannung im Moment des letzten Atemzugs am Kreuz ihren Höhepunkt fand. Es war ein Ereignis, das eindrucksvoll unter Beweis stellte, dass Woods Musik auch über ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung klanglich wie geistlich unmittelbar zu den Menschen sprechen kann.