Häusliche Gewalt: Die Zeit heilt nicht alle Wunden
Minden-Lübbecke -
Vernetzung und Erfahrungsaustausch zwischen frauenunterstützenden Einrichtungen und Einrichtungen der Altenhilfe und des Gesundheitswesens, Sensibilisierung der (Fach-) Öffentlichkeit sowie eine traumasensible und bedarfsgerechte Unterstützung sind zentrale Handlungsansätze, wenn es darum geht, ältere Frauen zu unterstützen, die in ihrem Leben Gewalt erfahren haben oder aktuell erfahren.
Dies sind die wesentlichen Ergebnisse, die im Rahmen des Runden Tisches gegen häusliche Gewalt erarbeitet wurden, zu dem die PRIO-Vernetzung (Prävention-Intervention-Opferschutz) gegen häusliche Gewalt im Kreis Minden-Lübbecke in das Kreishaus in Minden eingeladen hatte. Anwesend waren Vertreterinnen und Vertreter aus den Bereichen frauenunterstützende Einrichtungen, Altenhilfe, des Kreistages und der Kreisverwaltung sowie der Polizei und der Justiz.
„Die heute älteren bis hochaltrigen Frauen sprechen aus den unterschiedlichsten Gründen kaum über erfahrene Gewalt, sei es, weil es nach wie vor ein großes Tabuthema ist, das mit Schuld und Scham besetzt ist oder weil insbesondere ältere Frauen es nicht gewohnt sind, über Privates zu sprechen. Häufig fehlt auch das Wissen über Hilfemöglichkeiten. Daher ist es notwendig, Zugangsmöglichkeiten und Hilfestrukturen für diese Zielgruppe zu entwickeln bzw. transparenter zu machen“, erläuterte Andrea Strulik, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Minden-Lübbecke, die die Veranstaltung moderierte, in ihrer Begrüßung.
Im Zentrum des Runden Tisches stand der Vortrag von Martina Böhmer, die als Altenpflegerin für Geriatrische Rehabilitation, Referentin und Beraterin in der Altenhilfe und Beraterin für Psychotraumatologie ihre Erfahrungen aus unterschiedlichen Arbeitskontexten beschrieb und Handlungsempfehlungen für die Arbeit vor Ort gab. Einleitend verwies Martina Böhmer darauf, dass 40% der Frauen zwischen dem 16. und 85. Lebensjahr angeben, körperliche oder sexuelle Gewalt oder beide Gewaltformen erlebt zu haben; dabei ist die Gewalt oft langjährig und endet nicht „automatisch“ im Alter. Gleichwohl ist es nach den Ausführungen von Martina Böhmer nach wie vor so, dass Gewalt häufig nicht mit älteren Frauen in Verbindung gebracht wird. So fehlt bspw. bei älteren Frauen, die gestürzt sind, die standardisierte Frage nach möglicher Gewalteinwirkung. Ähnliches gilt, wenn ältere Frauen in Beratung und Behandlung Symptome wie z.B. Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Schlaf-/Essstörungen, Depressionen oder plötzliche Desorientierung zeigen, die Symptome einer Demenz, aber auch auch Symptome einer posttraumatischen Belastung sein können, hervorgerufen durch Gefühle der Ohnmacht und der Hilflosigkeit, wie sie das Älterwerden und ggf. Pflegebedürftigkeit mit sich bringen kann. An dieser Stelle forderte die Referentin ein Umdenken insbesondere in Bezug auf die bislang vorherrschenden Altersbilder. Ältere Frauen werden viel zu oft als „Oma“ und damit als Neutrum wahrgenommen. Auch bei älteren Frauen muss berücksichtigt werden, dass aktuelle Verhaltensweisen bzw. aktuelle gesundheitliche Probleme nicht auf eine Erkrankung, sondern auf eine Gewalterfahrung zurückzuführen sein können. Für die Arbeit vor Ort empfahl Martina Böhmer Vernetzungs- und Öffentlichkeitsarbeit, Aufklärung und Sensibilisierung insbesondere für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gesundheits- und Pflegeberufe sowie der beratenden und therapeutischen Berufe und niederschwellige Beratungs- und Hilfeangebote, möglichst auch aufsuchend.
Am Ende ihres Vortrags stellte Martina Böhmer die neue Beratungsstelle „Paula e.V.“ in Köln vor, deren Mitbegründerin sie ist. „Paula e.V.“ ist eine Beratungsstelle für Frauen ab dem 60. Lebensjahr, die Gewalt erlebt haben oder aktuell erleben.
Unser Foto zeigt von links Klaus Marschall, Martina Böhmer und Andrea Strulik. (Text: Sabine Ohnesorge / Foto: Oliver Roth – Kreis Minden-Lübbecke
Kontakt:
Kreis Minden-Lübbecke
Portastraße 13, 32423 Minden
Andrea Strulik, Gleichstellungsbeauftragte, Tel. 0571-80721620, E-Mail: a.strulik@minden-luebbecke.de
Klaus Marschall, Sozialamt, Koordinator für Behinderten- und Seniorenbelange, Tel. 0571-80722870, E-Mail: k.marschall@minden-luebbecke.de