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Christoph Barre warnt vor fortschreitendem Identitätsverlust der Region

Lübbecke -

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Christoph Barre, Eigentümer und Geschäftsführer der Privatbrauerei Ernst Barre GmbH.

Nach der Bekanntgabe der bevorstehenden Schließung der Herforder Brauerei und den vielen daraus resultierenden Kommentaren und Beileidsbekundungen in den Medien äußert sich nun Christoph Barre, Eigentümer und Geschäftsführer der Privatbrauerei Ernst Barre GmbH aus Lübbecke, wie folgt zu den Geschehnissen. 

"Die Nachricht von der bevorstehenden Schließung der traditionsreichen Herforder Brauerei hat in der gesamten Region Ostwestfalen-Lippe und auch darüber hinaus tiefe Bestürzung ausgelöst. Die auch für Branchen-Insider überraschende wenn auch nicht ganz unerwartete Nachricht markiert eine historische Zäsur für den Biermarkt in OWL. Insbesondere in Zeiten einer spürbaren wirtschaftlichen Rezession ist der Verlust eines so bedeutenden Arbeitgebers ein schwerer Schlag für unsere Heimat.

Im Zentrum meiner Betroffenheit stehen zunächst die rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Standort Hiddenhausen sowie deren familien, die nun vor dem Nichts stehen. Uns liegt inzwischen eine ganze Reihe von Bewerbungen von Betroffenen vor, die wir aktuell prüfen. Besonders tragisch ist die Situation der 13 Auszubildenden - größtenteils in brauereitypischen Berufen. Wir haben uns spontan dazu entschieden, einigen dieser Berufseinsteiger eine Perspektive in unserer Brauerei zu eröffnen, indem wir für einige Jahre über Bedarf ausbilden werden.

Der Verlust der Herforder Brauerei geht weit über nackte Wirtschaftszahlen hinaus. Bier ist kein austauschbares, industrielles Massengut, sondern ein hochemotionaler, regionaler Anker. 148 Jahre lang prägte insbesondere der leidenschaftlich ausgetragene Wettbewerb der beiden in OWL führenden Marken Herforder und Barre den Biermarkt der Region. Ein wichtiger Nebeneffekt dieses regionalen Wettbewerbs war, dass damit die Verbraucher ein gutes Stück gegen die Biere von externen Großbrauereien immunisiert wurden. Insbesondere der kontinuierliche Marktanteilsverlust der ehemals überregional bedeutsamen Marke Herforder, die seit 2007 zur Warsteiner-Gruppe gehört, hat die Tore in OWL für externe Großbrauereien weit geöffnet. Deren Marktanteil ist im Gegenzug in den letzten 20 Jahren erheblich gestiegen. Letztlich leben in der wirtschaftsstarken Region OWL rund 2 Millionen Menschen, die jährlich etwa 1,7 Mio. Hektoliter Bier kaufen. Ich gehe davon aus, dass inzwischen über 50 Prozent davon nicht mehr in OWL hergestellt werden. In Süddeutschland wäre ein solcher Zustand undenkbar.

Die in den letzten Tagen oft verbreitete Information, die Schließung der Herforder Brauerei sei Folge des anhaltend rückläufigen deutschen Bierkonsums, stellt insofern nur die halbe Wahrheit dar. Es ist zwar richtig, dass der Biermarkt in Deutschland seit vielen Jahren kontinuierlich schrumpft - seit der Jahrtausendwende betrug der Verlust rund 30 Prozent. Die Absatzverluste der Marke Herforder waren aber erheblich höher - im gleichen Zeitraum gingen dort rund 70 Prozent des Volumens verloren. Die bitter Wahrheit ist also, dass die Herforder Brauerei nicht als Folge des allgemein rückläufigen Bierkonsums vom Markt verschwindet, sondern primär als Folge von massiven Marktanteilsverlusten. Die größten Profiteure des Niedergangs dieser ehemals sehr bedeutenden Regionalmarke waren und sind insbesondere die Großbrauereien aus dem Sauer- und Siegerland.

Und nun wieder die vielen Beileidsbekundungen von allen Seiten. Wie oft haben wir diese schon gehört, wenn wieder einmal eine regionale Brauerei geschlossen wird, egal ob diese Feldschlösschen (Minden), Schaumburger (Stadthagen), Hütt (Baunatal) oder nun Herforder heißt. Ich bin mir nicht sicher, ob alle Absender dieser Trauerbekundungen zuvor mit ihrem Konsumverhalten einen Beitrag zum Erhalt der regionalen Brauwirtschaft geleistet haben. Der obengenannte Marktanteilsverlust der OWL-Brauereien hat eben auch mit der schwindenden Lobby für regionale Produkte zu tun. Die Ankündigung, dass das Herforder-Bier zukünftig in Warstein produziert wird, verstärkt diese Entwicklung. Falls nun auch noch die Paderborner Brauerei geschlossen wird, was nicht ganz unwahrscheinlich ist, würde dies eine noch weitergehende Verschärfung der Situation bedeuten.

Was resultiert daraus für uns, die größte verbleibende unabhängige Privatbrauerei in Ostwestfalen-Lippe? Ich sehe die Privatbrauerei Barre - gemeinsam mit den drei weiteren familiengeführten Traditionsbrauereien der Region - nun in einer besonderen Verantwortung. Unsere Mission liegt darin, das heimische Brauhandwerk und die Bierkultur in OWL zu verteidigen. Ich sehe dabei das Haus Barre aufgrund seiner herausgehobenen Marktstellung sowohl in der Gastronomie als auch im Handel in einer besonders wichtigen Funktion. Als eine der letzten bedeutenden familiengeführten Privatbrauereien Norddeutschlands stehen wir inzwischen fast ausschließlich im Wettbewerb mit Groß- bzw. Konzernbrauereien, die uns hinsichtlich Produktivität und Synergie überlegen sind.

Wir halten dagegen mit Bodenständigkeit, Authentizität, regionalem Engagement und insbesondere mit handwerklicher Qualität. Beschleunigte Brauverfahren wird es auch in Zukunft bei Barre ebenso wenig geben wie das sogenannte „High-Gravity-Brewing“, das leider inzwischen auch in Deutschland industrieller Standard geworden ist. Wir gehen ganz bewusst einen anderen Weg als die Großbrauereien - und wir sind damit erfolgreich!

Man muss verstehen, dass regionale Familienbrauereien und Braukonzerne unterschiedlich „ticken“. Regionale Privatbrauereien wie Barre stehen für Vielfalt und eine lebendige regionale Bierkultur, während Großbrauereien in der Regel von einem konsolidierten deutschen Biermarkt träumen. Wenn Braukonzerne ehemals unabhängige Brauereien übernehmen, tun sie dies nicht primär, um die betroffenen Regionalmarken zu retten. Im Fokus dieser Übernahmen steht nach meiner Einschätzung immer die Stärkung der eigenen Marktposition der übernehmenden Großbrauerei. Das Schicksal der Herforder Brauerei ist dafür ein gutes Beispiel. Ich persönlich kenne keine ehemals eigenständige Privatbrauerei, die von einer Übernahme durch einen Braukonzern profitiert hat. In der Regel werden daraus nach der Übernahme seelenlose Produktionsstandorte ohne Entscheidungsträger, die in den meisten Fällen früher oder später geschlossen werden.

Diese Einsicht führte bei uns in der Brauerei, aktuell geführt von der 6. Familiengeneration, bereits vor langer Zeit dazu, den Erhalt als unabhängige Familienbrauerei als oberstes Unternehmensziel zu verankern. Allen Kaufinteressenten - und das waren einige - wurde bisher eine klare Absage erteilt - und das soll auch in Zukunft so bleiben.

Aber woran liegt es eigentlich, dass die hier beheimateten Brauereien in Ostwestfalen-Lippe in der Summe Marktanteile verloren haben? Es existiert eine alte Brauerweisheit, die viel Wahrheit enthält: „Bier braucht Heimat - Heimat braucht Bier!“ Eine wichtige Existenzgrundlage für regionale Biermarken sind verlässliche Stammverwender - sprich Menschen, die regelmäßig regionale Biere bevorzugen. Deren Anteil ist in den letzten Jahren in OWL spürbar zurückgegangen - und zwar vor allem im Bereich des Flaschenbieres, das primär im Getränkeeinzelhandel und im Lebensmitteleinzelhandel verkauft wird. Ein maßgeblicher Grund für die Schwächung der regionalen Biermarken ist die seit Jahren anhaltende extreme Aktionspolitik insbesondere im Lebensmitteleinzelhandel. Es sind immer wieder die gleichen nationalen „Fernsehmarken“, die Woche für Woche zu ruinösen Preisen - teilweise unterhalb des Einkaufspreises - „verhämmert“ werden, um Menschen in die Outlets zu locken. Rabatte von 40 Prozent und mehr auf die sogenannten „Fernsehmarken“ vernichten jegliche Form der Markentreue - und das insbesondere hinsichtlich der regionalen Biermarken. Die oftmals in den Märkten kommunizierte regionale Ausrichtung verpufft in einem solchen Umfeld vollends.

Bei allem Verständnis für den harten Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel: Ich bin mir sicher, dass der Nutzen dieser Angebotspolitik für den Einzelhandel in keinerlei Relation zum wirtschaftlichen Schaden steht, der im Gegenzug in der heimischen Brauwirtschaft angerichtet wird. Es macht letztlich keinen Sinn, sich als Förderer von regionalen Erzeugnissen darzustellen, wenn zugleich das Sterben eben dieser Regionalanbieter durch eine ruinöse Aktionspreispolitik in Kauf genommen und sogar gefördert wird. Es bleibt zu hoffen, dass der Lebensmitteleinzelhandel hier zeitnah eine Kurskorrektur vornimmt.

Fazit: Für uns als Privatbrauerei Barre ist die Entwicklung in Herford ein unüberhörbares Warnsignal. Wenn Konzerne lokale Braustätten opfern, um Überkapazitäten in ihren Megastandorten auszulasten, droht eine irreversible Verödung der regionalen Vielfalt. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Vielfalt unserer Heimat dem Diktat der Zentralisierung weicht. Unsere Familienbrauerei mit ihren derzeit rund 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erneuert daher ihr klares Bekenntnis zum Standort OWL und richtet einen dringenden Appell an die Menschen, die Gastronomie und den Handel in der Region: Der Erhalt regionaler Braukunst und Arbeitsplätze entscheidet sich tagtäglich direkt am Tresen und am Getränkeregal. Wer lokale Identität schätzen und bewahren will, sollte auch zu regionalen Produkten greifen".

Quelle: Privatbrauerei Ernst Barre GmbH