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Schanghai

Asien ist für Rainer Fäth und seine Frau Margit schon lange kein unbekannter Erdteil mehr. Bereits mehrere Reisen hat das Lübbecker Ehepaar dorthin unternommen. Die jüngste führte wieder einmal nach China und beinhaltete auch einen Abstecher zur Weltausstellung nach Shanghai. "Es waren anstrengende 14 Reisetage, aber voller großartiger Eindrücke und Erlebnisse" ist ihre einhellige Meinung. Ihr letzter Aufenthalt im Reich der Mitte liegt fünf Jahre zurück, doch durch die Medien und von einer befreundeten Familie in Schanghai wurden sie laufend informiert, in welchem rasanten Tempo die Entwicklung der chinesischen Städte voranschreitet. Das hat ihre Neugier beflügelt und sie beschlossen, sich vor Ort vom Stand der Dinge überzeugen.Hier lesen Sie ihren überaus interessanten Reisebericht, in dem es um Schanghai und natürlich auch die Weltausstellung EXPO 2010 geht.

Gegen Mittag sitzen wir guter Dinge im Flugzeug, das bei klarem Himmel abhebt und Kurs auf Schanghai nimmt, Chinas Wirtschaftszentrum am Ostchinesischen Meer, südlich der Mündung des Yangtze-Flusses gelegen. Wir sind sicher, dass sich hier in den letzten fünf Jahren einiges verändert hat. Nach gut zwei Stunden setzt der Pilot zur Landung an, und wir können bereits erkennen, wie damals freie Areale mit unzähligen Wohnblocks besiedelt sind. Tatsächlich zählt die Mega-Stadt inzwischen 18 Mio. Einwohner und ist die mit Abstand größte Metropolregion Chinas.

Der internationale Flughafen Pudong, auf dem wir landen, wurde am 01. Oktober 1999 anlässlich des 50. Jahrestages der Gründung der Volksrepublik China eröffnet. Er verfügt derzeit über zwei riesige Abfertigungshallen - Glaspaläste von je einem Kilometer Länge, zwei weitere Hallen sind geplant. Auch hier ist ein chinesischer Reisebegleiter pünktlich zur Stelle und lotst seine Schäflein in einen Bus, der uns in gut einer Stunde in das etwa 30 km entfernte Zentrum von Schanghai bringt. Unterwegs überqueren wir das Gelände, auf welchem in diesem Jahr die universelle Weltausstellung EXPO 2010 stattfindet, die selbstverständlich Teil unseres Programms ist.

Am späteren Nachmittag erreichen wir unser Hotel und erkennen sogleich, dass wir ausgesprochen verkehrsgünstig untergebracht sind, denn nur 200 m entfernt sehen wir den Hauptbahnhof und den Hinweis auf die darunter liegende U-Bahn-Station. 17 Stockwerke trägt uns der Hotelaufzug nach oben, dann öffnet uns ein Bediensteter die Zimmertüren. Wir sind überrascht - so großzügig dimensioniert hatten wir die Gemächer in unserem 4-Sterne-Hotel nicht erwartet, mit perfekt ausgestattetem Bad und Blick auf den Bahnhofsplatz. François hat auch schon bemerkenswerte zur Zimmerausstattung gehörende Details ausgemacht - neben den Apparaturen zur Teezubereitung ein diskretes Schälchen mit einer "Gummimischung für alle Fälle". "Das gibt es nicht mal in Paris", murmelt er.
Nach zwei Stunden meldet sich die Rezeption - "somebody is waiting for you !" Natürlich wissen wir auch diesmal, wer uns erwartet - es ist unser Freund Prof. Wu Yi-min, emeritierter Hochschullehrer für Ingenieurwissenschaften, Songs Vater, den wir zuletzt vor drei Jahren in Deutschland getroffen hatten. Wir folgen ihm durch den zu dieser Tageszeit besonders intensiven Verkehrslärm, bis er in den Eingang eines großen Restaurants einbiegt, das seine Spezialität schon auf dem Bürgersteig mittels einer großen, von innen beleuchteten Ente kundtut. Unsere leichten Jacken, die wir über die Stühle hängen, werden vom Personal sogleich mit einer Schutzhülle überzogen. Befleckte Kleidung nach dem Mahl möchte man dem Gast nicht zumuten. Fast drei Stunden werden wir verwöhnt, wobei Variationen von der Ente (nicht unbedingt etwas für Kalorienzähler) im Vordergrund stehen.

Derart gestärkt sehen wir erwartungsvoll dem nächsten Morgen entgegen, an dem Yi-min uns zu einem Ausflug vom Hotel abholt. Wir folgen ihm zum Bahnhof, wo wir uns in eine Schlange von Fahrgästen einreihen, die an einem Kontrollpunkt ihre gültigen Fahrkarten vorzeigen müssen, ohne die der Zutritt ins Bahnhofsgebäude verwehrt wird. Alsdann passieren wir eine Sicherheitskontrolle ähnlich wie in den Flughäfen; die chinesische Regierung möchte Terroranschläge wie in Madrid oder London unter allen Umständen vermeiden, zumal dann auch der Ablauf der EXPO empfindlich beeinträchtigt wäre. Uns stören die genauen Kontrollen nicht - im Gegenteil. Eine Info-Tafel zeigt an, dass unser Zug nunmehr bereitsteht, und so wir marschieren zum Bahnsteig, wo ein moderner Hochgeschwindigkeitsexpress wartet, dessen Endstation das etwa 300 km entfernte Nanjing ist.
Yi-min hat natürlich Plätze in der 1. Wagenklasse reserviert, aber bevor wir uns so richtig an den Komfort gewöhnt haben, ist nach 40 Minuten der erste Halt erreicht, und wir müssen aussteigen. Wir sind in Suzhou, einer 6-Millionen-Stadt, gut 100 km von Schanghai gelegen, die von zahlreichen Kanälen durchzogen ist und deshalb auch Venedig des Ostens genannt wird.
Vor dem Bahnhof wartet (von Yi-min organisiert) ein geräumiger Kombi mit Fahrer, der die Aufgabe hat, uns zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt zu chauffieren. Als erstes steuert er den berühmten Tigerhügel an, ein nur 38 m hohes Plateau, das sich über eine Fläche von 14 000 m² erstreckt und heute als Parkanlage ausgebaut ist. In den Jahren 959 - 961 (zur Zeit der Song-Dynastie) wurde darauf eine 48 m hohe, steinerne Pagode errichtet, die sich im Laufe der Zeit beträchtlich zur Seite geneigt hat.

Nächstes Ziel ist eine weitere "Grünoase", diesmal mitten im Stadtkern von Suzhou, der berühmte Lingering-Garten, erstmals angelegt 1593 in der Ming-Dynastie, 1997 von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgewiesen. Wir erfreuen uns an den bizarren Steinformationen und an den großartigen Bonsai-Kulturen. In einem Pavillon werden Szenen aus einer traditionellen China-Oper aufgeführt, in die hineinzufinden dem Europäer nicht ganz leicht fällt. Noch einen dritten, diesmal modernen Park möchte Yi-min uns zeigen und lässt unseren Fahrer am Stadtrand in eine kleine Straße einbiegen, wo wir einen uniformierten Wachposten passieren, der uns salutiert. Zu unserer Verwunderung scheinen wir die einzigen Besucher des sehr gepflegt wirkenden Geländes zu sein, das von einem See mit phantasievollen Brückenkonstruktionen geprägt wird. Am Rande der Anlage steht eine Reihe von Villen größerer Bauart, die wir fotografieren, als sich ein weiterer Uniformierter auf einem Motorrad nähert und uns erklärt, dass wir uns auf regierungseigenem Gelände aufhalten und dieses sofort verlassen müssten. Da ist Widerspruch wohl zwecklos, und so suchen wir das Weite in der Vermutung, auf das Territorium hochrangiger Politfunktionäre geraten zu sein. Suzhou ist berühmt für seine Seide - was also liegt näher, als sich in einer der zahlreichen Fabriken einen Einblick in die Herstellung dieses seit 5 000 Jahren bekannten Gewebes zu verschaffen, das einst als große Kostbarkeit über die Seidenstraße in Richtung Westen transportiert wurde? Margit möchte diese Tradition beleben und kauft (Kreditkarten werden selbstverständlich akzeptiert) eine Garnitur Bettwäsche aus dem edlen Tuch - man gönnt sich ja sonst nichts!

Dass der kommende Tag auf einen Sonntag fällt, merkt man in China mit seinen ganz anderen kulturellen Traditionen nicht - es herrscht geschäftiges Treiben wie an jedem Tag. Auch heute Morgen holt uns Yi-min ab, ein Taxi bringt uns zu einem Restaurant der gehobenen Kategorie, wo ein separater Raum für uns reserviert ist, in welchem Yi-mins Schwester mit Ehemann sowie ein älterer Herr aus der Verwandtschaft uns zum einem chinesischen Frühstück erwarten. Dieser ältere Herr steht bereits im 88. Lebensjahr, er hat in seiner Jugend eine französische Schule in China besucht, und seine Französischkenntnisse sind immer noch bemerkenswert gut. Natürlich lässt François es sich nicht nehmen, an seine Seite zu rücken. Wiederum tafeln wir nach allen Regeln der Kunst, die im Märchenbuch beschriebenen gebratenen Tauben - hier liegen sie auf unseren Tellern, und weitere zahlreiche Köstlichkeiten, die wir bis dato nie gesehen bzw. nie zuvor geschmeckt hatten, werden uns liebevoll angerichtet serviert. Und wiederum zahlen wir für dieses außergewöhnliche kulinarische Vergnügen keinen Yuan.
Ein solches "Frühstück" will natürlich verdaut werden. Die dafür nötige Bewegung verschaffen wir uns in Schanghais weitläufigem botanischen Garten, dessen Bäume uns an diesem heißen Tag willkommenen Schatten spenden. Im gläsernen Kakteenhaus, das Margits besonderes Interesse findet, werden wir allerdings einem Hitzeresistenztest unterzogen.

Der aktiven Bewegung lassen wir passive folgen - die aber in Höchstgeschwindigkeit. An der etwas außerhalb er Innenstadt gelegenen Long-Yang-Straße steigen wir in ein Verkehrsmittel, das zwar in Deutschland konstruiert wurde, aber auf kommerzieller Basis bisher nur in China fährt. Es ist der Magnetzug Transrapid, hier Maglev genannt, der den Stadtkern Schanghais mit dem Flughafen Pudong verbindet. Für die knapp 31 km lange Strecke benötigt der auf einem Magnetkissen schwebende Zug etwas mehr als 7 Minuten, wobei er eine Höchstgeschwindigkeit von 430 km/h erreicht - Schanghai im Tiefflug! Mehrere deutsche Passagiere auf dem Weg zu ihrem Flieger fragen sich, warum die Politik dieser Technologie in Deutschland keine Chance gibt. Das fragen wir uns auch. Am Flughafen steigen wir in die S-Bahn um, die uns in den neuen Stadtteil Pudong bringt. Noch vor 20 Jahren war das Areal östlich des Huangpu-Flusses ein Sumpfland, unstrukturiert bebaut mit ärmlichen Behausungen und ohne nennenswerte Infrastruktur. Aber Pudong hat, wohl auch dank seiner Einstufung als Sonderwirtschaftszone, einen rasanten Aufstieg genommen, deutlich sichtbar an den etwa dreitausend Hochhäusern, die vielfach in Rekordtempo errichtet worden sind. Ohne die Heere schlecht bezahlter Wanderarbeiter, die zumeist vom Lande gekommen sind, wäre diese Entwicklung nicht möglich gewesen, erklärt uns Yi-min. Aus dem Häusermeer heraus ragen - der "Jin Mao Turm" (421 m), dessen eigenwillige Form mit aufwendiger Fassadenfläche einer historischen Pagodenform nachempfunden ist. Bis zum 50. Stock beherbergt der Gigant Büros, die Stockwerke 53. - 87. Stock nimmt das Hotel "Grand Hyatt Shanghai" in Anspruch; - der markante Fernsehturm Oriental Pearl (468 m), in dessen kugelförmigen Segmenten ein weiteres Luxushotel untergebracht ist; - das gerade erst fertig gestellte "Shanghai World Financial Center", mit 492 m und 101 Stockwerken Chinas höchstes Gebäude, dessen eigenwillige Form ihm auch die Bezeichnung "größter Flaschenöffner der Welt" eingebracht hat. Die Aussichtsplattform mit Glasboden in 474 m Höhe ist die höchste der Welt, die Fundamente des mächtigen Turms reichen 78 m tief ins Erdreich. Diese Perspektive wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen und lösen für stolze 150 Yuan (derzeit 17 Euro) Eintrittskarten für den schnellen Fahrstuhl. Der Blick, der sich uns von oben bietet, ist atemberaubend. Bei guter Sicht erkennen wir jetzt auch die Dimensionen der Stadt. Ehrfurchtsvoll blicken wir auf den Jin Mao Turm herunter, der noch vor wenigen Jahren neben dem Fernsehturm das Maß der Dinge war. Eine Bar im oberen Turmbereich mit relativ großzügigen Fenstern veranlasst uns, dort an einem Tisch Platz zu nehmen, der uns eine optimale Sicht auf die alten Kolonialgebäude am "Bund", der berühmten Uferpromenade auf der Westseite des Huangpu-Flusses, gewährt. Da es inzwischen dunkelt und dieser Bereich bestens erleuchtet ist, bietet sich uns ein Szenarium, wie man es beeindruckender auf der Welt kaum findet. Erfreut nehmen wir zur Kenntnis, dass unser spanischer Tischnachbar seinen Durst mit einem "Erdinger Weißbier" stillt. Das würde auch unser Glück perfekt machen, signalisieren unsere durstigen Kehlen, so bestellen und bezahlen wir sofort, damit Yi-min uns nicht wieder zuvorkommt.

Dass der Blick auf Pudong nicht nur von oben, sondern auch vom Ostufer des Huangpu-Flusses, genauer gesagt vom "Bund" aus, ein beeindruckendes Panorama bietet, wissen offenbar auch die zahlreichen Besucher, die hier promenieren und vor allem fotografieren. Der Hintergrund könnte dafür geeigneter nicht sein - irgendwie majestätisch wirkt der an dieser Stelle einer Krümmung folgende, etwa 450 m breite Hunagpu, dessen Wassermassen sich in Richtung Yangtze-Fluss bewegen. Der dichte Schiffsverkehr, darunter zahlreiche Passagierboote, zeigt uns, dass der Huangpu als wichtige Verkehrsader Schanghais eingestuft werden muss. Unmittelbar hinter dem Ostufer baut sich eine imposante Kulisse auf, deren funkelndes Lichtermeer hunderte von Metern in die Höhe reicht. Wir sind überrascht, dass komplette Flächen einiger Wolkenkratzer, die eben noch weißes Licht ausstrahlten, im nächsten Augenblick in kräftiges Rot oder in andere Farben getaucht sind. Der Eindruck, den die Lichtorgie bei den Touristen hinterlässt, rechtfertigt nach Meinung der Chinesen offenbar den damit verbundenen äußerst großzügigen Umgang mit Energie. Hier setzt eine neue Wirtschaftsmacht ihr Potential eindrucksvoll in Szene. Wir verlassen den "Bund" und bummeln über die Nanjing-Road, eine von Schanghais bekanntesten Einkaufsstraßen, zu einer U-Bahn-Station, in deren Eingangsbereich wie überall Sicherheitskontrollen durchgeführt werden, die uns aber überhaupt nichts ausmachen, denn alles läuft ruhig und in entspannter Atmosphäre ab. Überhaupt haben wir nie das Gefühl, uns könnte uns im Gewimmel der vielen Menschen unter Tage etwas passieren, kein Vergleich zu Berlin oder Frankfurt, wo man jederzeit damit rechnen kann, angepöbelt zu werden. Der ganze U-Bahn-Bereich präsentiert sich blitzsauber, Graffiti-Schmierereien sind hier völlig unbekannt; würde sich jemand daran versuchen, hätte er mit drakonischen Strafen zu rechnen. Wir haben keinerlei Schwierigkeiten, uns in dem 12 Linien umfassenden, hochmodernen U-Bahn-System zurechtzufinden. Überdies hat uns Yi-min vorsorglich mit Netzkarten ausgestattet - natürlich unentgeltlich.

Das neue China mit seinen scheinbar ungebremst wachsenden Wirtschaftmetropolen ist nur eine Seite des bevölkerungsreichsten Landes der Erde, das sich aus einer Jahrtausende alten Hochkultur entwickelt hat, wie wir ja schon in Peking und Xi'an eindrucksvoll demonstriert bekamen. Das noch junge Schanghai verfügt zwar nicht über vergleichbare historische Gemäuer, aber am nächsten Tag sorgt Yi-min dafür, dass wir auch Eindrücke des alten China mit nach Hause nehmen können. In einer Langversion des AUDI A6 (bei den Chinesen sehr beliebt) rollen wir in Richtung Süden, wobei wir feststellen können, dass diese Region kaum noch über intakte Natur verfügt. Das Land wirkt zersiedelt und ist nur stellenweise kultiviert, Wälder sieht man überhaupt nicht. Der Preis für Industrialisierung und Fortschritt?

Nach 140 km erreichen wir unser erstes Tagesziel: Wuzhen, ein großes Dorf im Yangtze-Delta, das heute 45000 Einwohner zählt und aus einem Fischerort hervorgegangen ist - und das ist Wuzhen mit seinen zahlreichen Kanälen bis heute geblieben. Erste Spuren Wuzhens sollen 6 000 Jahre alt sein, aber erst im 19. Jahrhundert konnte es sich zu einem Handelszentrum entwickeln. Heute versucht das idyllische Großdorf offenbar erfolgreich, sich als "Zentrum chinesischer Kultur und traditionellen Handwerks" zu vermarkten, wie es ein Reiseführer formuliert. Und die Voraussetzungen dafür sind gegeben - alles ist so, wie man sich als europäischer Tourist das alte China vorstellt. Sogar einen Kormoranfischer gibt es hier, wobei wir rätseln, ob der Mann sein Brot tatsächlich mit den Fischen verdient, welche die Vögel fangen oder sich durch Zuwendungen der Besucher über Wasser hält. Wir besuchen ein Bettenmuseum, eine historische Destille, diverse Teestuben und das Wohnhaus von Mao Dum, einem der berühmtesten Schriftsteller Chinas aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die besten Fotomotive finden wir beim Überqueren der insgesamt 30 Steinbrücken, welche die Ufer der Kanäle miteinander verbinden.
Wir fahren weiter und erreichen bald Tongli, ein weiteres Wasserdorf etwa 20 km von Suzhou, das in der Songdynastie (960 - 1279) gegründet wurde. Die Kanalufer in Tongli sind weitgehend mit Bäumen bewachsen, unter denen zahlreiche Restaurants ihre Tische aufgestellt haben. Für das Herzstück der Stadt, den berühmten Tuisi Garten (Garten der tiefen Gesinnung), der in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde, bleibt leider nicht viel Zeit, denn wir müssen die Rückfahrt antreten.

Am nächsten Morgen stehen wir zeitig auf und frühstücken ausgiebig (wie immer bestellen wir ein Omelett nach Wahl), denn Yi-min, der uns abholt, hat Karten für die EXPO 2010 besorgt. Nein, Geld will er dafür nicht haben. Natürlich nehmen wir die U-Bahn und freuen uns, einen für die EXPO idealen Tag mit Temperaturen um 25°C erwischt zu haben. Das macht längere Laufstrecken erträglicher - und die muss man in Kauf nehmen, denn das Ausstellungsgelände, das sich zu beiden Seiten des Huangpu-Flusses (Stadtteile Pudong und Puxi) erstreckt, die durch Fähren verbunden sind, umfasst ein Gebiet von 5,28 m², auf dem 192 Nationen und 50 internationale Veranstalter ihre Pavillons errichtet haben, um dem Motto der Ausstellung, "Bester City, Bester Life", gerecht zu werden. Dahinter steht das Ziel, die Lebensqualität in Städten zu erhöhen und gleichzeitig Umweltbelastungen zu reduzieren.

Weil er gerade in der Nähe liegt und uns die Wartezeit erträglich erscheint, reihen wir uns in die Schlange vor dem finnischen Pavillon ein, dessen Hülle aus umweltfreundlichem Verbundmaterial zu einer bemerkenswerten marmorweißen Optik in Form einer Schale geformt wurde. Margits Ausruf "toll" signalisiert einen gewissen Stolz auf ihre Heimat.
Da möchte François nicht nachstehen - 35 Minuten müssen wir bis zum Einlass in den französischen Pavillon warten, dann dürfen wir eintreten in den quadratischen Bau mit seinen 70 m langen Seitenwänden (Höhe: 30 m). Das Gebäude bietet dem Besucher einen typisch französischen Garten, dessen Ausgestaltung an einen Mikrochip erinnert. In dem Pavillon, der auch nach der EXPO bestehen bleiben soll, sind als Leihgaben des Muse d'Orsay sieben Meisterwerke französischer bzw. in Frankreich wirkender Künstler zu sehen - u.a. Werke von Cézanne, Gauguin, Rodin und van Gogh. Weitere Pavillons, die wir besuchen, sind die von Estland, der Slowakei, Dänemark, der Niederlande, Kanada, Luxemburg, Belgien und Großbritannien, dem mehr als 60 000 nach außen ragende Acrylstäbe von 7,5 m Länge das Aussehen eines Seeigels verleihen. Die Stäbe enthalten Pflanzensamen - eine Kampagne zur Erhaltung der Artenvielfalt, weshalb diese Konstruktion auch "Seed Cathedral" genannt wird.
Es ist dunkel geworden, und wir verspüren Hunger. Den stillen wir auf dem Messegelände in einem riesigen chinesischen Schnellrestaurant, das für wenig Geld durchaus schmackhafte Speisen anbietet. Eine halbe Stunde später sitzen wir in der U-Bahn, nach zweimaligem Umsteigen erreichen wir den Hauptbahnhof. Auch der letzte Tag unseres China-Aufenthalts ist für die EXPO reserviert. Petrus hat die Sonne freigegeben, und so bewegen sich heute die Temperaturen jenseits der 30°C - Marke. Betreut werden wir an diesem Tag von einen jungen Mann aus Yi-mins Verwandtschaft, der soeben an der Universität Würzburg (Rainer bestens bekannt) sein Examen als Geologe abgelegt hat und im Herbst seine Ausbildung in Jülich als Doktorand fortsetzen will. Jiayun Zhu, so heißt unser netter Begleiter, lotst uns auf das etwas kleinere EXPO-Gelände in Puxi auf der Ostseite des Huangpu, wo auch einzelne Städte (wie Freiburg oder Schanghais Partnerstadt Hamburg) und Regionen über eigene Pavillons verfügen.

Im Elsass-Haus machen wir eine Pause bei einem Glas gut gekühltem Riesling. Nachmittags bringt uns eine Fähre auf die Pudong-Seite, wo wir den deutschen Pavillon ansteuern, eine imposante, phantasievoll-futuristische Konstruktion, vor der sich Wartende in einer langen Schlange in Geduld üben, denn es dürfte an die drei Stunden dauern, ehe ihnen Einlass gewährt wird. Jiayun ist jedoch über einen Trick an VIP-Karten gelangt, mit deren Hilfe wir durch einen separaten Eingang ins Innere der "Balancity" gelangen, wie der Pavillon offiziell bezeichnet wird. Das Projekt propagiert die Vereinbarkeit von Natur und Urbanität, von Tradition und Fortschritt, von Kollektivität und Individuum und bietet hierfür Lösungsansätze "Made in Germany". Wir verlassen "Balancity" in der Gewissheit, einen der wohl anspruchsvollsten Pavillons der EXPO besucht zu haben.

Nach weiteren zwei Stunden EXPO-Atmosphäre treten wir den Rückzug an, denn um 18.00 Uhr erwartet uns Yi-min an unserem Hotel, um uns zu einem Abschiedsessen einzuladen. Margit drückt er gar einen großen Blumenstrauß in die Hand - welche Aufmerksamkeit und Fürsorge! In einem nahe gelegenen Lokal genießen wir noch einmal Spezialitäten der chinesischen Küche, die man in Europa normalerweise nicht bekommt. Wenigstens gelingt es uns heute, die Rechnung für unser Mahl abzufangen und selbst zu begleichen. Wohlgesättigt und zufrieden bedanken wir uns bei Yi-min für seine Gastlichkeit und persönliche Zuwendung, die unsere Tage in Shanghai zu einem tollen Erlebnisurlaub auf hohem Niveau werden ließen. Auch François weiß jetzt: Wir haben in dieser Stadt einen wirklich guten Freund.

Für sieben Uhr ist am folgenden Tag der Fahrdienst unseres Reiseveranstalters GEBECO zum Hotel bestellt, um uns zum Flughafen zu bringen - und kommt auf die Minute. In aller Ruhe tätigen wir nach der Abfertigung mit den übriggebliebenen Yuan-Scheinen noch einige (eher unnütze) Einkäufe, bevor wir im Airbus verschwinden. Das für die Chinesen so wichtige Gefühl der Harmonie hat sich nach unserem Empfinden während der letzten zwei Wochen auch auf uns übertragen - ein durchaus angenehmer Begleiter für den Weg nach Haus.

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