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Panama II: Teures Paradies

Seit knapp einem Jahr hält sich der Pr. Oldendorfer Fynn Birkemeyer in Südamerika auf. Dort lebte er in Costa Rica bei einer Gastfamilie und sammelt erste, für das spätere Berufsleben so wichtige Auslandserfahrung. Mutter Silke und Vater Ulrich sind ihm nachgereist, holen ihn sozusagen ab und erleben dabei Zentralamerika hautnah. Zuerst Costa Rica - und jetzt Panama. In Teil II über dieses Land und dem insgesamt letzten Teil ihres überaus interessanten Reiseberichtes geht es um "Leben im Paradies" und einen Einblick in Geschichte und Wirtschaft, über die Silke Birkemeyer "ohne Schminke und Tusche" informiert. 

Hallo Deutschland! Wir sind zurück von den Inseln von San Blas und wieder um eine Erfahrung und fantastische Eindrücke reicher. Die ca. 350 Inseln liegen in der Karibik und werden komplett von einer Gruppe Einheimischer, den Guna Yalas, verwaltet. Sie entscheiden, wer auf die Inseln darf, wer hier vor Anker gehen darf und natürlich auch über die Preise. Und weil sie so eigenständig sind, gibt es vorher einen Eintrittszoll (10 Dollar pro Person), eine Hafengebühr (2 Dollar pro Person) und eine Zoll- und Passkontrolle. Insgesamt dauert es ca. 3 Stunden, um von der Hauptstadt dorthin zu kommen. 

Etwa 60 Kilometer der Strecke sind wie eine Achterbahnfahrt. Bergauf und bergab, steil und kurvig und immer wieder grandiose Ausblicke und Einblicke in tiefe Täler oder auf entfernte Gipfel, bei denen man bei genauerem Hinsehen die Straße erkennt, die man in vielleicht fünf Minuten hochfahren muss. Und dann, nach 2 Stunden der erste Blick auf die Karibik. Es ist diesig und in der Nacht hat es heftig geregnet. Von der Postkartenidylle ist wenig zu sehen und eine erste Enttäuschung macht sich breit. 

Der Hafen von Carti hat wenig mit unseren Vorstellungen eines Hafens zu tun. Es ist eine Flussmündung (Rio Carti Grande) mit ganz viel braunem Wasser (es regnet hier ja jeden Tag wie aus Eimern, und der Fluss führt das ganze mit Sedimenten angereicherte Wasser hinunter ins Tal und dann ins Meer) und jeder Menge Mücken. Hier heisst es aufpassen, denn Malaria gibt es hier schon noch. Also wird unser Lieblingsduft Autan Tropical aktiviert und Arme, Beine und Nacken, Ohren und Gesicht eingesprüht. Auch die gemeine Sandfliege ist hier zu finden - darum tragen wir festes Schuhwerk. 

Also, der Hafen ist nichts anders als eine Lehmbank, an der die Boote der Einheimischen festmachen und die Touristen auf die verschiedenen Inseln fahren. Unsere Insel trägt den schönen Namen Guanidup und liegt ca. 40 Bootsminuten entfernt. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie es ist, diese Perlen in der Karibik mit eigenen Augen zu sehen. Ca. 50 dieser Inseln sind bewohnt und allesamt sind sie wirklich, wirklich klein. Mit immer besserem Wetter sehen sie alle aus wie grüne Perlen, das Wasser wie im Bilderbuch, Palmen wiegen sich im Wind und allerorts sieht man ausschließlich Bambushütten mit Palmendächern. 

Und dann taucht unsere Heimat für drei Tage auf, traumhafte Kulisse inmitten des Meeres. Unwirklich, schön, 30 Palmen, sechs Hütten für die Gäste, eine Überdachung zum Essen, eine "Möglichkeit zum Duschen und Waschen" und sonst - nichts. Ich meine GAR NICHTS. Unsere Insel ist vielleicht 2000 qm groß. Richtige Zimmer haben wir natürlich nicht, sondern eine Hütte. Holzbretter dienen als Regal, eine große Muschel als Türstopper, der Fußboden besteht aus Sand und ist voller Löcher, in denen die Krebse wohnen. Eine Leine im Inneren hilft, die Kleidung aufzuhängen. Auf den Fußboden sollte man tunlichst nichts legen. Bei dem heftigen Regen kann schon mal Wasser eindringen - überhaupt ist unsere Hütte ja nicht dicht. Regnet es heftig von der Landseite, wird man im Bett nass. Ist die Plane im Dach nicht richtig gespannt, wird man auch nass. Und wohnt man in der Cabina No. 1, also an der Strandspitze, wird man sowieso nass. 

Jede Nacht veranstaltet der Himmel ein atemberaubendes Spektakel aus Blitz und Donner - dann, und nur dann ist es auch bei Dunkelheit bei uns im Raum hell. Denn wir haben kein Licht. Also ganz ehrlich: Wäre am ersten Abend ein Boot gekommen und hätte uns den Transport in die Zivilisation angeboten - ich wäre mitgefahren. Die "Möglichkeiten zum Waschen" sind mehr, als das Wort rustikal beschreiben kann. Eine Toilettenspülung gibt es nicht. Vor dem banjo stehen große Regentonnen, die mit Meerwasser gefüllt werden und deren Wasser mit einem Eimer geschöpft und zum Spülen genutzt wird. Das Duschwasser wird täglich mit viel Mühe von einem Fluss vom Festland hierher gebracht und mit Eimern in einen großen Behälter auf dem Dach vom banjo umgefüllt. 10 Minuten duschen - auf keinen Fall. Die Duschkabine in der Gemeinschaftsdusche ist auch so ganz und gar nicht verlockend - die Wassertemperatur auch nicht. Aber was soll ich sagen - nach dem ersten Schock über die ausgesprochen spartanischen Verhältnisse haben wir die Zeit doch sehr genossen. So ein Paradies muss man auch aushalten lernen. Und die einfachen, aber sehr schmackhaften Mahlzeiten auch. 

Was wir dort drei Tage gemacht haben? Geschnorchelt, geschwommen, gesonnt, gelesen (Robinson Crusoe), in der Hängematte gelegen, gegessen und mit dem Boot Touren zu anderen Inseln unternommen. Jeden Tag zur Essenzeit entwickelten sich nette Gespräche mit den anderen San Blas-Gästen. Übrigens keineswegs Backpacker, die low budget reisen. Frau Professor aus den USA, ein Anwalt für internationales Recht aus Frankreich, ein Ingenieur, der an der Metro in Panama baut, junge Menschen, die international arbeiten. Alle wollen das besondere Flair entdecken und genießen. Und das will gelernt sein. Aber es hat sich gelohnt. Wir sind mit spektakulären Eindrücken belohnt worden, sind über Sandbänke voll mit Seesternen gelaufen, haben den Pelikanen bei ihrem beeindruckenden Flug über das Wasser zugeschaut, Delfine haben unser Boot begleitet und wir haben viele Fische gesehen. Wir haben die Seele baumeln lassen und waren einmal ganz und gar der Natur ausgeliefert. Ohne technische Hilfsmitteln, ohne Komfort, ohne Netz und doppelten Boden. Das hat gut getan, auch wenn ich zu Beginn wie vor den Kopf gestoßen war. Das sind Bilder, die nie mehr aus meinem Kopf verschwinden werden. Am meisten freue ich mich, dass ich diese wunderbare Erfahrung mit meinem Sohn Fynn teilen kann. Wer lernen willä muss reisen. In diesem Sinne: Gute Nacht, Deutschland.

Guten Tag, Deutschland! Heute ist wieder Reisetag - wir fliegen heute Abend nach San Jose und werden von dort unsere Rückreise antreten. Nun nutze ich die Zeit des Wartens, um euch etwas über die Guna Yalas zu berichten. Diese Geschichte ist allerdings nicht ganz so paradisisch wie das, was die Touristen sehen und Zuhause erzählen. 

Das Land der Guna Yalas, die semi-autonom leben, ist unverkäuflich. Sie leben hier quasi wie in einem Reservat. Und die Geschichte ist immer die gleiche. In diesem Fall hat sie natürlich mit Spanien zu tun und der Besiedlung des Landes durch Weiße. Irgendwann (ich glaube so um 1930) hat man ein Abkommen mit diesen Indios getroffen und ihnen einen 180 km langen Küstenstreifen im Nordosten von Panama zugestanden. Hier regieren sie über das Land, entscheiden, wer einreisen oder mit seinem Boot herkommen darf. Bis in die Stadt ist es weit, und ein großes Gebirge liegt dazwischen. Aber die Einnahmen aus dem Tourismus sind interessant. Und so wird diese paradisische Gesamtanlage entsprechend vermarktet.

Bildergalerie

Jeder Besuch einer Insel kostet 1 oder 2 Dollar pro Person. Wer auf einer Insel wohnt, bekommt zwei Mal am Tag das Angebot, zu einer anderen Insel gefahren zu werden. Dort wird gleich kassiert. Möchte man ein Foto machen, muss man vorher fragen und natürlich bezahlen. Da die Indios semi-automom sind, gilt auch ihr Recht. Da kann schon mal eine Kamera konfisziert werden. Vielleicht erklärt auch die Geschichte, warum die Guna Yalas nicht als die freundlichsten gelten. Ihnen bleibt keine andere Möglichkeit, als in diesem Gebiet zu wohnen. Und die Regierung drängt sie zudem noch dazu und fördert das. Denn insbesondere diese Konstellation macht die Inseln zu einem begehrten Reiseziel - und Tourismus ist auch für Panama wichtig. Hier gibt es kaum Industrie. Also ein verflixter Kreislauf, der den Indios ein Vermögen einbringt. Denn den rustikalen Aufbau muss der Tourist wie ein 5 Sterne - Hotel bezahlen. 

Die Gäste aus Holland haben 2 Tage San Blas gebucht. Jede Übernachtung hat pro Person 115 Dollar gekostet, das macht für eine Huütte (ich erinnere nochmals daran - ohne alles) 230 Dollar pro Nacht). Betritt man eine Insel, auf der es ein Dorf gibt, muss man evtl. mehrmals zahlen. Wenn es zwei Kaziken - als Chefs gibt- und man an deren Versammlungshütte vorbeikommt, zahlt man natürlich auch zweimal. Kaum kommt man als Gast um die Ecke, strömen Frauen und Kínder auf die Straße, um ihre Waren anzupreisen. Insbesondere Molas (Stickarbeiten) und Armbänder sind das Aushängeschild. Zurück in ihrer Hütte habe ich viele Menschen am Laptop gesehen - Handys haben sowieso alle. Ein Kapitän eines Catamarans, der seit drei Jahren Touristen durch San Blas schifft, erklärte uns, das die Regierung zu dem Lebensstil Vorschriften macht. Es soll nach außen eben alles ganz ursprünglich aussehen. Das erklärt auch, warum unsere "Gastmutter" Maria selbst in so einer Hütte wohnt. Bei dem stetigen Einkommen könnte sie längst komfortabler wohnen. Das würde aber das Bild und das Image zerstören. Tja, so hat jedes Paradies eben seinen Preis.

Ganz nebenbei sind die Indios ein durchaus modernes Volk. Sie leben im Matriachat - das heißt, innerfamiliäre Entscheidungen trifft die Frau. Die Männer ziehen nach der Heirat zur Familie der Frau. Oberhaupt der 52 eigenständigen Dorfgemeinschaften sind aber die Männer. Die Nationalflagge enthält übrigens ein nach links gewinkeltes Hakenkreuz. Das hat aber nichts mit Nationalsozialismus zu tun, sondern soll lediglich die Arme eines Tintenfisches symbolisieren. Und Fischfang ist für die Stämme hier von großer Bedeutung. 

Neben den Guna Yales gibt es noch weitere Indios. Zum Beispiel die Embera und die Ngoebe- Bugle, Naso und Bribri. Insgesamt setzt sich die Bevölkerung so zusammen: 58 % Mestizen (Mischlinge aus Indios und Weißen), 15 % Afro-Panamaer und Mulatten (Mischlinge aus Schwarzen und Weißen), 13 % Weiße, 10 % Indios und 4 % Asiaten. Von die Geschichte des Landes, insbesondere die Entwicklungen um General Noriega, habt ihr sicherlich das eine oder andere noch gut in Erinnerung. Für die Entwicklung des Landes im Vergleich zu anderen Ländern war die Partnerwahl nicht immer vorteilhaft. In allen Bereichen merkt man deutlich, das sich die Menschen hier schwer tun, ihr Kapital zu nutzen. 

Es ist nicht nur der Dreck und Müll, der noch unterentwickelte und zum Teil unorganisierte Tourismus. Es sind einfache Dinge. Briefkästen gibt es nicht. Ich bin 20 Minuten durch die Straßen gelaufen, um eine Briefmarke zu kaufen. Meiner lieben Freundin Anke hatte ich eine Karte versprochen, und meiner Familie wollte ich auch unbedingt schreiben. Das habe ich im Foto festgehalten, denn ob diese Post jemals ankommt, ist ungewiss. Touristen müssen zudem gut aufpassen. Taxis sind oft überteuert, nicht jede Gegend sicher und so weiter. Wer also hier reist, muss sich schon ein wenig vorbereiten oder Vorkehrungen treffen. Es ist gut, dass ich von Deutschland aus alle Buchungen im Voraus getroffen habe. Jeder Transfer ist gesichert und alles hat perfekt funktionert - DANKE an Frau König vom Reisebüro aus Pr. Oldendorf und Cacao Travel hier in Panama. Das hat uns viele Sorgen genommen, denn schließlich bin ich ja für den sicheren Ausgang dieser Reise verantwortlich. Und nachdem Fynn in Costa Rica überfallen wurde, wollte ich auf keinen Fall ein Risiko eingehen.

In Panama bezahlt man übrigens mit Balboa - eine Währung, die zu 100% an den Dollar gekoppelt ist. Eigene Noten hat dieses Land nicht- hier zahlt man also in US Dollar. Lediglich die Münzen sind landestypisch. 

Und sonst? über zwei Drittel der Bevölkerung arbeiten im Dienstleistungssektor - hauptsächlich für den Staat oder die Kanalverwaltung. Panama ist ein Importland. Die 3,6 Mio. Menschen stellen fast nichts selber her - eine nicht ganz unkomplizierte Sache. Denn mit dem geplanten Bau des neuen Kanals in Nicaragua durch die Chinesen kann das Land ganz schnell in ein wirtschaftliches Desaster abrutschen. Bei einer Verschuldung von mehr als 15 Mrd. US Dollar kann man eigentlich sowieso nicht von einem Gleichgewicht sprechen. Es ist und bleibt spannend für dieses Land. Gebaut wird hier übrigens gerne im großen Stil - dieser Sektor hat sich als Motor für den Arbeitsmarkt entwickelt. Allerdings sind viele Gebäude unkomplett oder stehen leer. Beispielsweise hat das Hard Rock Café und das dazugehörige Hotel eine Kapazität von 1500 Betten. Genutzt werden zur Zeit 400. 

So, das war ein kurzer Ausflug in die Geschichte und Wissenswertes über das Land. Ich hoffe, ich konnte allerlei Interessantes berichten und Euch ein wenig mitnehmen auf diese Reise, die auch für mich nach so vielen anderen Erfahrungen mit dem Backpack durch die Welt bislang die Schönste und Aufregendste war. In diesem Sinne - gute Nacht, Deutschland. Silke Birkemeyer

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