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Panama I: Extreme überall

Seit knapp einem Jahr hält sich der Pr. Oldendorfer Fynn Birkemeyer in Südamerika auf. Dort lebte er in Costa Rica bei einer Gastfamilie und sammelt erste, für das spätere Berufsleben so wichtige Auslandserfahrung. Mutter Silke und Vater Ulrich sind ihm nachgereist, holen ihn sozusagen ab und erleben dabei Zentralamerika hautnah. Trotz der teilweise schwierigen technischen Bedingungen übermittelt Silke Birkemeyer ihre Eindrücke und Erfahrungen dieser nicht alltäglichen Reise an HALLO LÜBBECKE. Zuerst Costa Rica - und jetzt Panama. 

Die Wäsche ist gewaschen, die Taschen gepackt - ein neues Reisekapitel wird morgen aufgeschlagen.  Heute morgen sind wir mit dem lokalen Bus nach Ciudad Colon gefahren.Wahrend seiner Schulzeit in San Jose war das ein beliebter Treffpunkt für Fynn und seine Freunde. Nach einem 2 Kilometern Spaziergang durch die Kaffeefelder kommen wir zu dem Fluss. Es rauscht, und durch das dichte Blätterwerk können wir junge Leute und eine Familie sehen, die unten am Fluss im Schatten der Bäume picknicken. 

Wir sind aber noch oben, und eigentlich wollte Fynn mir ja den Wasserfall zeigen. Vor einigen Monaten ist mir das Herz stehen geblieben, als ich die Fotos mit den waghalsigen Sprüngen aus bis zu acht Meter Höhe gesehen habe. Genauso ging es mir heute, als ich den Ort des Geschehens sah: eine enge Schlucht, nur zwei Meter Wassertiefe und Gefahrenstellen allerorts. 

Um es kurz zu machen - ich habe den Abstieg bis auf das mittlere Plateau geschafft, konnte dann aber nicht weitergehen, um mir alles im Detail anzusehen. Leute, ihr macht euch kein Bild. Es ist ein Wunder, dass ich meinen Sohn heil und ganz wieder mit nach Deutschland nehmen kann. So ein Irrsinn - das wollte ich mir nicht lange anschauen. Die Busfahrt ist extrem heiß - das Wasser lauft uns den Rücken runter. So wird es ein angenehmer Tag am Pool. Gute Nacht Deutschland.

Wir sind in Panama-City. Und das ist wie ein Schlag ins Gesicht. Die Hitze macht das Atmen schwer, und nach den beschaulichen Tagen in Costa Rica müssen wir uns erst an den Puls dieser Stadt gewöhnen. Panama ist wieder einmal ein Land der Extreme. Die Hauptstadt hat mehr Wolkenkratzer als New York oder Chicago. In diesem Land leben nur ca. 3,5 Millionen Menschen. Die Fahrt vom Flughafen Tocumen bis nach Gambo duert nur 40 Minuten. Allerdings ist diese Strecke schon wie eine Zeitreise über 100 Jahre und mehr. Einkaufsarkaden und hypermoderne Gebäude zum einen, traditionelle Fischerboote und Indios, die ihre Unabhängigkeit weitestgehende behalten haben. Ja, hier leben Menschen noch ohne Strom und Handys von dem, was ihnen der Urwald gibt. 

Aber Panama ist nicht im Gleichgewicht, weder ökonomisch noch ökologisch. Die wechselhafte Geschichte, politische Einflüsse, Machtkämpfe und nicht zuletzt das "dicke Geschäft" mit den USA haben ihre Spuren hinterlassen. Viele Gebäude stehen leer, und der Zahn der Zeit nagt heftig an der verbliebenen Substanz. Der krasse Gegensatz zeigt sich besonders, als wir die Rückseite der Stadt Richtung Regenwald fahren - hier sehen die Hinterhöfe aus wie ein blutiges und zerkratzts Gesicht. Müll und Unrat überall, kaputte Straßen und Häuser, schmutzige Fassaden. Eben die andere Seite der Medaille. 

Das Gambo Rainforest Resort hat auch etwas von dem Zerfall mitbekommen. Es ist riesig und architektonisch eine Augenweide und definitiv nicht mit unseren Lodges vergleichbar. Allein die Eingangshalle ist bombastisch und die Poolanlage für den Rest des Nachmittags unser Zuhause. Heute Abend unternehmen wir eine Nachtexkursion. 

Nun bin ich seit zweieinhalb Wochen in Zentralamerika mit meinem Rucksack unterwegs. Gestern am Flughafen auf der Gepäckwaage wurden nur 17 kg angezeigt. Und dabei habe ich noch nicht einmal alle Kleidungsstücke gebraucht. Jeder entwickelt auf einer Reise so seine eigene Strategie, möglichst lange mit möglichst wenig auszukommen. Das mit der Handwaäche hat sich übrigens als ein kleines Problem herausgestellt. Die Temperatur liegt heute nur bei Anfang 30 Grad - die Luftfeuchtigkeit bei über 90 Prozent.  

Also, es ist heiss und bei über 90 Prozent Luftfeuchtigkeit unbeschreiblich unangenehm. Meine Handwäsche wird es sicherlich nicht bis in den Trockenstatus schaffen. Leider habe ich noch mehr Wäsche verursacht, als ich heute morgen an einer Wanderung teilgenommen, mit dem Fahrrad eine Tour zum Panamakanal unternommen und mit Fynn Tischtennis gespielt habe. Irgendwie wird morgen wieder alles im Koffer verschwinden und - na ja vor sich hinmuffeln. Auch das gehort zu dieser Reise dazu. 

Am Nachmittag habe ich meine Mühen belohnt und bin mit dem Boot als Einzelgast hinaus auf den Panamakanal und über den Gatunsee gefahren. Leute, was für ein Gefühl, den Riesenschiffen so nah zu sein. Und das vor dieser Kulisse. Meine tolle Wildlife-Führerin hat das Boot außerdem zu schönen Plätzen gelotst, und wir sind mit einer besonderen Tiervielfalt belohnt worden. Tukane saßen auf blattlosen Ästen, Kapuzineraffen räkelten und lausten sich im dichten Blaettergewirr der grünen Riesen, zwei Schildkröten lagen faul auf einem Stein im Wasser in Ufernähe, ebenso wie ein großes Krokodil, das aber, als es das Motorgeräusch hörte, sich flugs in Wasser gleiten ließ. Bei dem bedeckten Himmel wurde es gleich vom Wasser verschluckt, und wir konnten es nicht mehr sehen. Ein Krokodilbaby genoss die letzten Stunden des Tages auf einem Ast, und unendlich viele Vögel stimmten einen bezaubernden Kanon an.

Bildergalerie

Der Urwald ist auch nach 2,5 Wochen noch wie Magie, unheimlich schön, taustendfach grün, voller Büsche und Bäume, Sträucher und Gräser, Urwaldriesen und Mikroorganismen, die sich auf den Ästen niederlassen und wachsen. In Hotelnähe kann ich in aller Ruhe einem Faultier bei seinem Versuch zusehen, etwas Fressbares zu greifen. Diese Tier sind unglaublich putzig und sooooo langsam. Langsamer Bär -so heißen sie auf spanisch. 

Am späten Nachmittag habe ich dann mit Fynn Entspannung und Erfrischung in dem riesigen Pool gefunden. Und dann endlich kam der Wind und etwas Regen. Es hat seit zwei Tagen nicht geregnet und selbst für die Panamesen ist der derzeitige Zustand außergewöhnlich. Die paar Tropfen aber bringen nicht die gewünschte Linderung. So bleibt abzuwarten, wie es morgen wird. Wir jedenfalls werden diese luxuriöse Herberge verlassen und morgen auf einem Dschungelhotelboot auf dem Gatunsee übernachten. Geplant sind eine Kanutour durch die Mangroven und eine Fahrt zum Wasserfall. Vielleicht wird es aber auch nur abhängen auf Deck. Ich jedenfalls werde jetzt noch ein paar Minuten in der Hängematte auf der Terrasse verbringen und den schönen Tag ausklingen lassen. Gute Nacht, Deutschland.

Wie soll ich die letzten beiden Tage beschreiben: Gegensätzlicher kann es kaum sein. Aber eins nach dem anderen. Vorgestern sind wir von unserem Flusstaxi abgeholt worden. Der Kapitän, ich nenne ich immer Kirk, weil er wirklich in einem anderen Universum lebt, hat uns und eine Gruppe von Touristen dann mitgenommen in das grüne Reich rund um dem Panamakanal und den Gatunsee. Das an sich war schon eine sehr erlebnisreiche Fahrt. Kapitän Kirk ist Amerikaner und lebt schon seit 13 Jahren hier am Fluss. Er kennt sich mit Flora und Fauna gut aus, hat uns Wissenswertes über die Bäume, die Tiere, den Kanal und dessen Entwicklung erläutert und uns ganz schöne Panoramen dieser Umgebung gezeigt. 

Nach ca. 1 Stunde kamen wir am eigentlichen Ziel unserer Reise an, dem Gatun-Explorer, einem Dschungelhotel auf einem Boot. Inmitten des Dschungels, abseits der Zivilisation, umgeben von Wasser liegt also das Boot von Kirk. Es besteht aus einer großen Plattform mit Aussichtsdeck, Hängematten, und ich glaube 4 oder 6 Zimmern. Die sind natürlich alle sehr spärlich eingerichtet. Ein Bett, ein Regal - und gut ist es. Fenster gibt es wie immer nicht. Der Balkon unseres Zimmers ist durch ein dreigeteiltes Fliegengitter abgetrennt - das heißt, die warme Luft und alle Geräusche dringen ganz ungestört in den Raum. 

Die Toilette ist ein klassisches Plumpsklo - nach jedem Toilettengang nimmt man eine handvoll Späne aus dem kleinen Blecheimer. Duschen und Händewaschen - natürlich mit kalten Wasser aus dem Fluss. Auf dem zweiten Boot ist der "Restaurantteil" untergebracht, die Kapitänsloge und sanitäre Anlagen für Tagesgäste. Und natürlich die Küche. Zu beiden Seiten dieses schwimmenden Hotels gibt es einen Anleger für Boote und Kanus. Denn das ist das Hauptgeschäft von Kirk. Er holt die Gäste aus den Hotels der Stadt ab und entführt sie in das grüne Reich. Und ich sage euch, das ist wirklich abenteuerlich.

Mit dem Kanu sind wir ganz tief in den Dschungel vorgedrungen, Baumriesen rechts und links, Wasserpflanzen und ganz viele Mücken. Es wurde immer dichter und undurchdringlicher und der Weg für die Kanus immer enger. Dann wurde auch das Wasser seichter, und plötzlich hieß es aussteigen. Zu Fuß sind wir noch ca. 50 Meter gegangen um dann an einem malerischen Wassserfall anzukommen. Alle haben sich voller Freude in das kühle Nass gestürzt, schließlich liegen die Tagestemperaturen hier immer deutlich im Bereich von 30 Grad und mehr, und die Luftfeuchtigkeit ist ganz schön ekelig. 

Rechts vom Wasserfall gab es einen schönen Felsen mit Lianen - da konnte man sich prima hochziehen und dann ein paar Meter tief springen. Nein, das ist nichts für mich. Aber Fynn und die anderen haben das sichtlich genossen. Zu Fynns Ehrenrettung muss ich auch gestehen, dass er letztendlich ganz allein gepaddelt ist und mich durch diese zum Teil unwirklcihe Landschaft kutschiert hat. Ich war einfach nur verzaubert von dem Reichtum dieser Gegend. Am Boot angekommen haben dann einige Jugendlich noch die Gelegenheit genutzt und sind von der Aussichtsplattform in den See gesprungen. Tja, und dann hat Entertainer Kirk noch die Schlange - eine Boa - für eine Fotosession rausgeholt und Futter für den Tukan und den Papagei und auch den Affen besorgt. Also, was für ein Programm. 

Um 15.30 Uhr sind dann die Tagesgäste wieder mit dem Wassertaxi zurückgefahren und wir - die einzigen Übernachtungsgäste - blieben zurück. Fynn ist dann noch einmal mit dem Kanu ganz alleine einen Fluss in der Nähe hinaufgefahren. Während der Zeit habe ich einen Kaffee getrunken und den Ausblick genossen. Tukane flogen hin und her, Adler und andere wunderschöne Voegel. Brüllaffen saßen ca. 150 Meter vom Boot entfernt in den Bäumen und gaben immer mal wieder ein lautstarkes Konzert. Und dann - ja dann habe ich das Krokodil gesehen. Seelenruhig lugte es aus dem Wasser, visierte seine Beute an, tauchte unter und verschlang den Vogel. Das war mir in dem Moment ziemlich egal - ich habe nur an die Plantschtour am Nachmittag gedacht und beschlossen, dass es keine weiteren schwimmenden Exkursionen gibt. 

Wirklich magische Momente bescherte uns Kirk dann mit einer nächtlichen Bootstour. So etwas Wunderschönes, Magisches, Unheimliches, Atemberaubendes habe ich noch nie in meinem Leben erlebt. Der Himmel war fast wolkenfrei, der Mond schien, und wir sind meinem Einbaumboot durch die Seen- und Mangrovenlandschaft gefahren. Das Blätterdach schlug teilweise einen Bogen über unsren Köpfen, wir sind dichten Spinnnengeweben mit dicken Spinnen ausgewichen, haben weitere Krokodile gesehen und uns von den Fledermäusen begleiten lassen. Wenn der kleine Außenbordmotor und die Scheinwerfer ausgestellt waren, habe ich mein Herz klopfen gehört. Es war wie Magie. Eine unvergessliche Zeit. Ach ja, zwischendurch haben wir noch die Affen gefüttert, die mögen Nüsse und Bananenstücke und waren ganz zutraulich. 

Der heutige Tage war der Kontrast. Wie sind in Panamacity auf Entdeckungstour gewesen. Und sorry, ich mag diese Stadt nicht. Ist wie eine riesige Baustelle. Trotzdem haben wir brav die wichtigen Highlight angesehen (bei den bekannten Temperaturen echt kein Vergnügen) und schließlich an der Schleuse von Miraflores zugesehen, wie große Schiffe sich den Weg durch diesen historischen Kanal bahnen. Wer Lust hat und gerne liest, sollte sich die Geschichte des Kanals unbedingt einmal anlesen. Er wird mit unglaublichen Details belohnt, die das ganze Projekt noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Jetzt muss ich packen. Denn für die Inseln von San Blas brauche ich leichtes Gepäck. WIFi gibt es dort nicht - also auch keine Reiseberichte in den kommenden Tagen. San Blas liegt in der Karibik und wird vom Stamm der Guna Yala Indianer bewirtschaftet. Ca. 50 der insgesamt über 300 Inseln sind bewohnt, und ich bin gespannt, welche der kleinen Perlen inmitten der Karibik wir in den nächsten Tagen kennenlernen. Ich hoffe jedenfalls auf gutes Wetter, denn in unserer Bambushütte sind wir den Bedingungen schon ziemlich schutzlos ausgeliefert. Da aber bislang alles gut gegangen ist, denke ich mir, dass auch diese Etappe unserer abenteuerlichen Reise ganz schön werden wird. In diesem Sinne - gute Nacht Deutschland.