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Iran

Svenja Mattner hatte durch familiäre Beziehungen die seltene Gelegenheit, ein nahezu "verbotenes Land" kennenzulernen: den Iran. 1985 in Lübbecke geboren, absolvierte sie hier ihre Schulzeit mit dem Abitur am Wittekind-Gymnasium. Zehn Monate "Work and Travel" in Australien erweiterten ihren Horizont beträchtlich. Und die dabei erworbenen Englischkenntnisse kamen ihr auch gleich im folgenden Studium zugute. Denn die Vorlesungen und alle Projekte der Fakultät "Arts and Social Sciences" an der Universität Maastricht, wo sie sich eingeschrieben hatte, liefen auf Englisch. Nachdem sie den Abschluss "Bachelor of Arts" erworben hatte, wechselte sie für ihr Master Studium an die "Hertie School of Governance" in Berlin. Und auch hier läuft das gesamte Programm bis zum Master-Abschluss auf Englisch. Lesen Sie hier ihre Reiseeindrücke.

Teil 1: Ankunft in einem unbekannten Land

Svenja Mattner hatte durch familiäre Beziehungen die seltene Gelegenheit, ein nahezu "verbotenes Land" kennenzulernen: den Iran.Der Geruch von Tränengas hängt noch in der Luft, als wir um fünf Uhr morgens das Gebäude des internationalen Imam-Khomeini-Flughafens in Teheran verlassen und uns auf den Weg in den alten Teil der iranischen Hauptstadt machten. Auf der rasanten Autofahrt erzählt man uns, dass es in den letzten zwei Wochen wieder diverse Ausschreitungen zwischen Anti-Ahmadinedschad-Demonstranten und den Revolutionsgarden der islamischen Republik gegeben hat.

Fünfzehn Menschen sollen dabei am Vortag ums Leben gekommen sein. Meine ersten Eindrücke von Teheran sind auf die Dinge beschränkt, die ich in der Dunkelheit wahrnehmen kann. So scheint der Teheraner Straßenverkehr von keinerlei Verkehrsordnung geleitet zu werden. Die Menschen halten sich zwar an rote Ampeln, aber ansonsten wird kreuz und quer über die Fahrbahn geheizt, als gäbe es keinen Morgen. Todmüde vom anstrengenden Flug gilt unser erster Gedanke ein paar Stunden Schlaf. Doch auch das Schlafen im Iran gestaltet sich etwas anders als in Deutschland, da es in iranischen Haushalten kaum Betten gibt und sich das Schlaflager stattdessen auf dem Boden befindet.

Generell gehört der Iran zu einem der vielen Länder der Welt, in dem sich viele Bereiche des Lebens auf dem Boden abspielen. So wird nicht nur auf dem Boden geschlafen, sondern auch gegessen, Fernsehen geguckt, etc.... Am nächsten Tag gewinne ich meine ersten Eindrücke von der Teheraner Innenstadt bei Tageslicht. Obwohl ich auf die Tatsache, dass alle Frauen in Teheran Kopftuch tragen, eingestellt bin, ist der Anblick von all den Kopftuch tragenden Frauen und vor allem auch das Kopftuchtragen selber gewöhnungsbedürftig. Heutzutage sind circa fünf Prozent der Iraner fundamental-islamistisch. Und so kommt es auch häufig vor, dass man auf der Straße voll verschleierten Frauen mit Tschador begegnet. Den Abschluss meines ersten Tages in Teheran bildet das Wiederaufflammen des Konflikts zwischen Demonstranten und Revolutionsgarden, als ein U-Bahnschacht in Flammen aufgeht und die Schlägertrupps der Revolutionsgarden angefahren kommen.

 

 

 

 

 

 

Teil 2: Mann und Frau, Sittenwächter

Bevor man sich entscheidet, mit seinem Partner in den Iran zu reisen, sollte man sich über gewisse Unterschiede (zwischen Deutschland und dem Iran) im Umgang zwischen Mann und Frau bewusst sein. Obwohl mir viele Dinge schon im Voraus ansatzweise klar gewesen sind, hat sich mir das volle Ausmaß dieser Unterschiede erst im Iran selbst erschlossen.

Bevor man sich entscheidet, mit seinem Partner in den Iran zu reisen, sollte man sich über gewisse Unterschiede (zwischen Deutschland und dem Iran) im Umgang zwischen Mann und Frau bewusst sein. Obwohl mir viele Dinge schon im Voraus ansatzweise klar gewesen sind, hat sich mir das volle Ausmaß dieser Unterschiede erst im Iran selbst erschlossen.Zu allererst sollte man sich darüber im Klaren sein, dass ein unverheiratetes Pärchen im Iran kein Hotelzimmer bekommt und man dadurch auf seiner Reise auf das Wohlwollen von ggf. Verwandten und Bekannten angewesen ist. Weiter wusste ich zwar im Vorfeld, dass ich im Iran ein Kopftuch tragen muss, dass ich einen Mantel tragen muss, der zumindest den Po bedeckt, dass ich jegliche Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit in Form von Händchen halten, küssen etc. zu unterlassen habe, und dass Männer Frauen niemals per Handschlag oder Küsschen rechts links begrüßen. Doch die Geschlechtertrennung ist viel tiefer in der Gesellschaft verankert, als ich mir das im Vorhinein vorgestellt habe. Will Frau mit dem Bus fahren, so ist der hintere Eingang des Busses für Frauen und der vordere für Männer vorgesehen, wobei beide Bereiche durch eine Absperrung voneinander getrennt sind. Ähnliches gilt für das Fahren in der U-Bahn, wo es ganze Abteile gibt, die nur für Frauen vorgesehen sind. Allerdings muss auch erwähnt werden, dass diese räumliche Trennung nicht gezwungenermaßen eingehalten werden muss, sondern dass es oft auch als Schutz für die Frauen gedacht ist, die sich so den Blicken der Männer entziehen können.
Hinzu kommt außerdem, dass es große Unterschiede im Umgang zwischen Mann und Frau zwischen der Metropole Teheran und den ländlichen Regionen gibt. So ist gerade in Teheran ein Wandel zu verspüren. Nicht selten kommt es vor, dass man in der U-Bahn Frauen sieht, die extrem zurecht gemacht sind, die die Haare zu kunstvollen Türmen auf dem Hinterkopf drapiert haben und die das oftmals quietsch pinke Kopftuch nur noch zur Zierde des Hinterkopfes verwenden. Auf dem Land ist ein solcher Anblick eher selten. Im Gegensatz zu Teheran häuft sich in den ländlichen Regionen der Anteil an Frauen, die den Tschador tragen und generell eher konservative Kopftücher bevorzugen.
Da es gerade im Winter im Iran und auch in Teheran sehr kalt ist, empfand ich hier die islamische Kleidervorschrift für Frauen nicht als allzu störend. Am Kaspischen Meer im Nordwesten des Irans angekommen, genossen wir hier wunderschöne sommerliche Temperaturen mit einer leichten warmen Brise und viel Sonnenschein. Das erste Mal habe ich einen Vorgeschmack davon bekommen, wie sich die persischen Frauen im Sommer fühlen, wenn sie sich trotz Hitze nur verschleiert und verhüllt in der Öffentlichkeit bewegen dürfen. Denn spätestens dann wird das Kopftuch, das ich bisher noch als angenehmen Schutz vor der Kälte empfunden habe, zu einer unangenehmen Last.
Die Zeichen des Wandels sind gerade in der jüngeren Generation der Teheraner Elite zu bemerken, die im reichen Norden der Stadt wohnt. So scheint es tatsächlich nötig zu sein, die Einhaltung der strikten islamischen Regeln stichprobenartig zu kontrollieren. Vor ein paar Tagen wurde unser Wagen bei einer spätabendlichen Rundfahrt durch den Teheraner Norden von einer Gruppe junger Revolutionsgarden gestoppt. Nach einem kurzen persischen Wortwechsel konnten wir weiterfahren. Auf meine Frage hin, was diese Kontrolle zu bedeuten hat, wurde mir erklärt, dass die jungen Revolutionsgarden damit beauftragt sind zu kontrollieren, dass es keine unerlaubten Annäherungen zwischen Männern und Frauen gibt und dass kein Alkohol mitgeführt wird.
Praktisch bedeutet dies, dass diese jungen Revolutionsgarden vorliebend Autos anhalten, in denen sie nur Mann und Frau ohne weitere Begleitung sehen. Diese Autos werden dann auf verdächtige Anzeichen und verbotene Tätigkeiten kontrolliert, zu denen körperliche Annäherungen gehören und natürlich auch das Mitführen von Alkohol. Interessant zu beobachten war die Tatsache, dass die Revolutionsgarden, die die Kontrollen durchführen, im gleichen Alter oder sogar ein wenig jünger sind als die jungen Menschen, die sie zu kontrollieren haben. Es stellt sich die Frage, was Jugendliche dazu veranlasst, Gleichaltrige zu kontrollieren und im schlimmsten Falle zu verraten.
Der entscheidende Unterschied zwischen den Revolutionsgarden und der jungen Teheraner Elite ist wohl, dass sich die Revolutionsgarden hauptsächlich aus armen Familien aus dem Teheraner Süden oder vom Land rekrutieren. Für diese Jugendlichen ist die Arbeit als Revolutionsgardist und Sittenwächter eine willkommene Möglichkeit, sich an den reichen gleichaltrigen Reichen zu rächen und ihnen manchmal auch eins auszuwischen. 

Teil 3: Andere Länder, andere Sitten

Dass im Iran so einiges anders ist zeigt sich jeden Tag aufs Neue bei völlig banalen alltäglichen Dingen. Brot holen, zum Beispiel, will gekonnt sein. In Deutschland geht man zum Bäcker und kann zwischen 30 bis 50 Brotsorten seine Favoriten wählen.
Im Iran gibt es insgesamt vier oder fünf Brotsorten, alles verschiedene Sorten von Flachbroten, die auf die eine oder andere Art und Weise im Steinofen gebacken werden.

Andere Länder, andere Sitten Mein Favorit zum Beispiel ist ein Flachbrot, das an den Innenseiten des Steinofens gebacken wird. Je nachdem, welches Brot man möchte, muss man zu einem unterschiedlichen Laden gehen. Brot holen kann sich so zu einer ziemlich zeitaufwändigen Angelegenheit entwickeln, da die Brote kontinuierlich frisch gebacken werden und meist eine Schlange von 20 Leuten vor einem schon auf frisches Brot warten. Von diesen 20 Leuten holen 15 Leute Brot für die Großfamilie daheim, was bedeutet, dass sie nicht weniger als 10 Brote bestellen. Geduldig stehen wir also bei unserem ersten Brotholausflug in der Schlange und warten, bis wir endlich an der Reihe sind, um unsere Minibestellung von 2 Broten aufzugeben.
Als wir endlich an der Reihe sind, guckt der Kassierer uns voller Unverständnis an, lacht und sagt, dass wir unsere 2 Brote schon eine halbe Stunde früher hätten haben können. Wie sich daraufhin herausstellte, gibt es bei den Brotläden nämlich ein Zwei-Schlangen-System: eine für die Großbestellungen und eine für kleinere Bestellungen von bis zu 3 oder 4 Broten. Beide Schlangen werden im Reißverschlussverfahren bedient, so dass Leute mit einer kleinen Bestellung nicht zu lange warten müssen. Sicherlich ein System das Sinn macht, aber man muss eben wissen, wie es läuft.

Die persische Küche ist eine ziemlich deftige Angelegenheit und mit Sicherheit nicht jedermanns Sache. Die persische Küche widerspricht all den kulinarischen Standards, die gerade in Deutschland en vogue sind, sprich multinationale leichte kalorienarme und Figur bewusste Küche. Darüber hinaus wären Vegetarier oder gar Veganer im Iran zum Hungern verdammt, da der Iran eine Fleischnation ist und es kaum Gerichte ohne Fleisch oder Fisch gibt.
Das iranische Nationalgericht, welches jeder ausländische Reisende nach spätestens 10 Tagen nicht mehr sehen, geschweige denn essen kann, ist der Kebab. Der persische Kebab hat nichts mit dem Döner Kebab zu tun, den man in Deutschland an jeder Ecke haben kann. Ganz im Gegenteil bezeichnet der persische Kebab gegrillte Fleischspieße, von Lammfilet, von gehacktem Lammfleisch oder von Hühnchen. Diese Fleischspieße werden mit einem Berg von Reis, einer gegrillten Tomate und einem Päckchen Butter serviert. Die Butter ist gedacht, um den trockenen Reis aufzulockern, und die Tomate wird ebenfalls unter den Reis gemischt. Zu einem solchen Fleischgericht wird immer ein Teller mit frischen Kräutern gereicht, die einfach zu dem Fleisch gegessen werden.
Gehen Iraner auswärts essen, wird sehr oft ein solcher gegrillter Kebab bestellt, da ein solches Essen zu Hause schwer zuzubereiten ist. Wird man bei Bekannten zum Essen eingeladen, kann man in den Genuss kommen, von einem oder mehreren der vielen verschiedenen Arten von Eintopf zu kosten, die es in der persischen Küche gibt. Fesenjun zum Beispiel ist nicht nur ein Eintopf, sondern auch ein Zeichen der Ehrerweisung gegenüber dem Gast. Es besteht aus Hähnchenschenkeln und einer Soße von Walnüssen und Granatapfelsirup. Durch langes Kochen setzt sich das Öl, das in den Walnüssen enthalten ist, an der Oberfläche ab und lässt das ganze Gericht sehr fettig erscheinen.

Ein weiterer Eintopf, den man des öfteren serviert bekommt, besteht aus gelben Linsen, Auberginen und Lammfleisch und ist ebenfalls sehr mächtig. Eine private Essenseinladung im Iran beschränkt sich allerdings nicht nur auf die Mahlzeit. Bevor das Essen serviert wird, gibt es den unabdingbaren Chay und den unvermeidlichen Obstteller. Dann wird gegessen, bevor es nach dem Essen wieder Chay und wieder Obst gibt, bevor man 5 bis 6 Stunden später den Heimweg antreten darf.

Teil 4: Gastfreundliche Menschen und schwierige Regeln

Wichtigste Regel für Autofahrer: Sich nicht an Regeln halten. Wer auch immer das Gerücht in die Welt gesetzt hat, dass Italiener rasante Autofahrer sind, der ist noch nicht im Iran gewesen. Nach außen sieht alles so aus wie in Deutschland auch, d.h. drei bis vier Fahrspuren, Ampeln und ab und zu Verkehrspolizisten, die den Verkehr lenken.

Wichtigste Regel für Autofahrer: Sich nicht an Regeln halten. Wer auch immer das Gerücht in die Welt gesetzt hat, dass Italiener rasante Autofahrer sind, der ist noch nicht im Iran gewesen. Nach außen sieht alles so aus wie in Deutschland auch, d.h. drei bis vier Fahrspuren, Ampeln und ab und zu Verkehrspolizisten, die den Verkehr lenken.Doch schon die Autofahrt vom Flughafen bis ins Zentrum Teherans hat mich eines besseren belehrt. Es gilt keine Straßenverkehrsordnung, sondern die Regeln werden von den Autofahrern gemacht. Wo die Fahrbahn in drei Spuren geteilt ist, werden im tatsächlichen Straßenverkehrs-Leben mindestens fünf daraus. Fährt ein Wagen auf der linken Spur zu langsam, wird einfach rechts überholt. Hat man zu spät die Ausfahrt gesehen, dann sorgt eine rasante Drehung des Lenkrads dafür, dass das Auto die Ausfahrt doch noch kriegt - und mögen auch vier Fahrspuren dazwischen liegen.
Darüber hinaus könnten persische Autos genauso gut ohne Blinker gebaut werden, da diese niemals betätigt werden. Und wenn sie doch einmal blinken, so scheint dies ein Versehen zu sein, da sie niemals in die Richtung zeigen, in die das Auto abbiegt. Rote Ampeln im Stadtverkehr werden nur selten eingehalten; meist fehlt den Fahrern die Geduld für die langen Rotphasen. Und so wird jede sich bietende Lücke für eine sofortige Weiterfahrt genutzt. Auch was Einbahnstraßen betrifft, so hätte man sich die blauen Schilder mit dem weißen Pfeil auch sparen können, da sich niemand an die vorgegebene Fahrtrichtung hält.
Das Erstaunliche ist nun aber, dass das, was sich für das deutsche Ohr wie das pure Verkehrschaos anhört, im Teheraner Straßenverkehr reibungslos funktioniert. Fast könnte man meinen, dass sich schlicht und ergreifend neue Regeln herausgebildet haben, deren wichtigster Bestandteil die Hupe ist. Kommt ein anderes Auto dem eigenen zu nahe, wird laut gehupt, und schon nimmt besagtes Auto wieder Abstand. Der Blick in den Spiegel wird überflüssig, da einfach jeder für den anderen mitfährt und alle sich im gleichen Maße an das Nichteinhalten der Verkehrsregeln halten. War meine erste Autofahrt im Iran noch ein beängstigendes Ereignis, bei dem ich alle Autofahrer für durchgedrehte Selbstmörder gehalten habe, so muss ich diese Meinung revidieren. Wer sich im Teheraner Straßenverkehr und mit der iranischen Art, Auto zu fahren, zurechtfindet, der muss wahrlich ein meisterlicher Autofahrer sein.

Gastfreundschaft: Bochor, Bochor
Fast zwei Wochen im Iran haben mir gezeigt, dass das Wort Gastfreundschaft hier im ehemaligen Persien eine völlig neue Dimension erhält. Die Iranische Gastfreundschaft stellt alles, was ich bis jetzt erlebt habe, in den Schatten - und kann manchmal auch sehr anstrengend sein. Essentieller Bestandteil der iranischen Gastlichkeit ist Tee, der praktisch in jedem Heim und jedem Geschäft bereit steht und bei jedem Zusammentreffen mit Fremden oder Bekannten gereicht wird. Des Weiteren lieben Iraner viel und gutes Essen. Einem Gast im Iran soll es an nichts mangeln, jegliche Wünsche werden von den Augen abgelesen. Und wenn es keine Wünsche mehr gibt, so werden alle Wunscheventualitäten abgefragt und im Zweifel neue Wünsche kreiert. Vier Tage lang war ich Gast im Heim einer wahren persischen Großfamilie und habe so hautnah die Gastfreundschaft des mittleren Ostens erleben dürfen. "Bochor, bochor!" war die persische Vokabel, die sich in Null-komma-Nichts in mein Gedächtnis eingeprägt hat. Übersetzt heißt "bochor" iss oder auch trink und wird ohne Gnade so lange verwendet, bis der Gast von all den dargebotenen Speisen probiert und auch das fünfte Mal nachfüllen brav aufgegessen hat. Mit "Nein-Sagen" muss man generell sehr vorsichtig und sensibel vorgehen, da iranische Gastgeber den Zufriedenheitsgrad ihres Gastes an der Menge des verspeisten Essens messen.
Nach diesen vier Tagen und gefühlten hunderten von Essenseinladungen später kann ich über weihnachtliche Festtafeln in Deutschland nur lachen. Im Vergleich zu der iranischen Gastfreundschaft wirkt jedes europäische Land hoffnungslos unterkühlt. Obwohl diese vier Tage sicherlich auch sehr anstrengend gewesen sind und ich das Gefühl habe, dass ich das ganze kommende Jahr nichts mehr essen muss, so bin ich unendlich dankbar, dass ich so viele unheimlich freundliche Menschen und so viel absolut ehrlich gemeinte Gastlichkeit erleben durfte.

Tarouf
Tarouf ist der Name für den anstrengendsten Kulturunterschied zwischen Deutschland und dem Iran. Tarouf bezeichnet die persische Art und Weise der Höflichkeit und die Regeln für das persische Miteinander. Für mich als Deutsche, die ich eine offene und sehr direkte Art im täglichen Miteinander gewohnt bin, ist der Tarouf manchmal eine sehr anstrengende und oft völlig unverständliche Angelegenheit.
Unter dem Begriff Tarouf werden viele verschiedene Aspekte des täglichen Lebens zusammengefasst. Sehr oft hat es mit Geldangelegenheiten zu tun, über die aber natürlich niemals offen gesprochen wird. Auf unseren Reisen nach Isfahan, Shiraz, Kish und durch den Norden des Irans haben wir unsere Unterkünfte ausschließlich über private Kontakte organisiert, da ein unverheiratetes Pärchen im Iran nicht in Hotels wohnen darf. Trotz all der Gastfreundlichkeit, die wir auf diese Art und Weise erfahren haben, stellt sich im Sinne des Tarouf immer die Frage: "Wie entschädige ich die jeweiligen Gastgeber, ohne auf direkte Art und Weise finanzielle Dinge ansprechen zu müssen?"
Oft werden in solchen Fällen Goldmünzen im Wert von 200 Euro gekauft, was meistens teurer ist, als hätte man einfach ein Hotelzimmer angemietet. Solange man weiß, dass die Unterkunft "umsonst" ist, sind die Regeln des Tarouf relativ einfach zu befolgen, da man sich auf die eine oder andere Art und Weise in Form eines Geschenkes und/ oder einer Essenseinladung bedankt. Kompliziert wird es allerdings, wenn man sich nicht sicher ist, wer einem die Unterkunft besorgt hat, wie viel sie kostet und ob sie tatsächlich umsonst ist - eine Situation, die sich uns auf der Urlaubsinsel Kish so präsentiert hat.
In solchen Fällen läuft man Gefahr, dass man, nachdem man den Gastgeber mit samt Familie zum Essen eingeladen hat, mit einer Zimmerrechnung von 200 Euro für zwei Nächte präsentiert wird. Eine Situation, welche sich umgehen ließe, könnte man die Kontaktperson ganz direkt auf die zu erwartenden Kosten ansprechen. Leider ist dies jedoch nach den Regeln des Tarouf nicht möglich.

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