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China: Peking II

Asien ist für Rainer Fäth und seine Frau Margit schon lange kein unbekannter Erdteil mehr. Bereits mehrere Reisen hat das Lübbecker Ehepaar dorthin unternommen. Die jüngste führte wieder einmal nach China. Hier ihr Bericht vom Besuch in der chinesischen Hauptstadt Peking.

Zeitig am nächsten Tag steuert unser Bus den Platz an, der seit 1641 das Zentrum der Stadt markiert. Es ist der Tian'an Men - Platz (Platz des Himmlischen Friedens), benannt nach dem 1417 auf seiner Nordseite errichteten Tor des Himmlischen Friedens, Haupteingang zur "Verbotenen Stadt", dem Kaiserpalast von Peking. Den meisten Zeitgenossen dürfte dieses Tor vor allem wegen des großen Mao-Porträts, das dort angebracht ist, bekannt sein.

Der bis 1911 öffentlich nicht zugängliche Tian'an Men - Platz soll mit 40 ha Fläche der größte befestigte Platz der Welt sein. Umrahmt wird er nicht nur von historischen Gemäuern, sondern auch von rund um die Uhr bewachten Zeugnissen stalinistischer Architektur wie der Großen Halle des Volkes ("Parlament") oder dem Mausoleum, in dem die Wachshülle des früheren Revolutionsführers und Massenmörders Mao Zedong in einem Glassarg aufbewahrt wird. Tatsächlich sollen durch Maos radikalpolitische "Maßnahmen" an die 60 Mio Menschen umgekommen sein. Am 4. Juli 1989 wurden auf dem Platz des Himmlischen Friedens Studentenproteste vom Militär blutig niedergeschlagen - ein Datum, an das sich die chinesische Führung nicht gern erinnern lässt.
Wir wenden uns der "Verbotenen Stadt" zu, mit deren Bau Yongle, der dritte Ming-Kaiser, im Jahr 1406 begonnen hatte. Im einzelnen auf die Gebäude des 720 000 m² großen Komplexes einzugehen würde den Rahmen dieses Berichts sprengen; gut drei Stunden bleiben uns, die wichtigsten Bauten in Augenschein zu nehmen - stets fachkundig kommentiert von Herrn Meng. Vollgestopft mit Wissen über die Dynastien chinesischer Kaiser und mit müden Beinen gönnen wir uns am Nachmittag im Hotel eine kurze Rast.
Dann bringt uns ein Taxi zu einer der neuen Pekinger Fußgängerzonen, in der sich exklusive Geschäfte wie auf einer Perlenschnur aneinanderreihen, Namen wie Gucci, Louis Vuitton oder Calvin Klein sind hier inzwischen ebenso zu Hause wie in Rom oder Berlin, nur scheinen uns die Preise ihrer Auslagen hier noch weiter oben angesiedelt. Der breite Boulevard wirkt ausgesprochen gepflegt, zahlreiche Straßenbistros verkaufen angesichts der Hitze vorwiegend kalte Getränke. Da wir Angebote für Kaffee vergebens suchen, lassen wir uns zu einem Bier nieder und beobachten die zahlreichen gut gekleideten Besucher dieser Einkaufs- und Flaniermeile bester kapitalistischer Prägung.

Aber nur wenige Schritte entfernt in kleinen und engen Nebengassen (viel zu eng für Autoverkehr) finden wir den chinesischen Durchschnittsbürger, der an einem bunten Textilstand um ein Hemd feilscht, die junge, salopp gekleidete Frau, die sich die Vorzüge eines neuen Mobiltelefons erklären lässt oder ein Liebhaber traditioneller chinesischer Küche, der an einer Imbissbude die dort aufgespießten (noch lebenden !) Seepferdchen und Skorpione begutachtet.
Margit möchte sich in einem liebevoll dekorierten Geschäft für Damenbekleidung umsehen, wo wir sofort in eine Diskussion mit den immer lächelnden Verkäuferinnen verwickelt werden, die unbedingt wissen wollen, wo wir denn herkommen. Mit chinesischen Sentenzen können wir freilich nicht dienen, aber ein wenig Englisch und Französisch untermalt mit entsprechender Gestik führen auch zum Ziel. Die charmant-resolute Inhaberin versteht es bestens, François ein wenig zu umgarnen, und schon baumelt eine Tüte mit einem schicken Kostüm für Enkeltochter Alissia an seinem Handgelenk. Mittlerweile ist es dunkel geworden, und unser Magen knurrt. Ein Enten-Restaurant lockt uns mit einer Menükarte, auf der die angebotenen Speisen zwar in chinesischer Schrift, aber auch auf Fotos dargestellt sind. So werden wir schnell fündig, und die dargereichten Platten räumen wir weitgehend ab. Der hohe Gemüseanteil der chinesischen Speisen lässt nach dem Mahl kaum ein Völlegefühl aufkommen und ist wohl auch dafür verantwortlich, dass wir während der Reise von Verdauungsproblemen weitgehend verschont bleiben.
Auf der Suche nach einem Taxi werden wir von einer jungen, recht gut aussehenden Dame in passablem Englisch angesprochen, die sich als Studentin der Betriebswirtschaft ausgibt. Sie lädt uns ein, mit ihr oder bei ihr einen Kaffee zu trinken. Ein neuer Trick, der unweigerlich auf Abzocke hinauslaufe, hatte uns Herr Meng gewarnt. Höflich aber bestimmt lehnen wir das Angebot der Dame ab, die sich schimpfend zurückzieht.

Am nächsten Morgen verlässt der Bus die Hauptstadt in nordwestlicher Richtung, denn heute wollen wir das wohl bekannteste Wahrzeichen Chinas besichtigen, die Große Mauer. Auf dem Weg dorthin halten wir (keineswegs zufällig, sondern entsprechend einer Weisung des chinesischen Tourismusministeriums, wie wir hören) an einer Zuchtanlage für Süßwasserperlen. Dort bekommen wir anschaulich erklärt, wie solche Perlen entstehen, welche Zeit sie für ihre Entwicklung brauchen und welche Kriterien ihren Wert ausmachen. Selbstverständlich werden diese Kostbarkeiten in ausgedehnten Verkaufsräumen auch an den Mann bzw. an die Frau gebracht. Und tatsächlich, Margit wird alsbald fündig und verlässt die Perlmuttfabrik mit zwei zugegebenermaßen gefällig gearbeiteten Perlenketten. Dann endlich geht es weiter zur Großen Mauer beim Berg Badaling, etwa 80 km von Peking. Dieser Mauerabschnitt war der erste, der nach seiner Restaurierung 1957 von Touristen besucht werden konnte, die hier normalerweise sehr zahlreich anzutreffen sind. Heute aber scheinen ihnen die relativ hohen Tagestemperaturen nicht zu behagen, wir sind jedenfalls froh, weitgehend ungestört die an diesem Abschnitt etwa 6 m breite Mauer weitgehend für uns zu haben und wählen von zwei möglichen den steileren Aufstieg. Der verlangt uns bei 32°C Mittagshitze tatsächlich eine gehörige Portion an Stehvermögen ab. Nass geschwitzt erreichen Rainer und François den höchsten zugänglichen Punkt - und werden durch einen unvergleichlichen Blick auf das nicht enden wollende steinerne Wunderwerk, dessen Bau bereits vor 2 500 Jahren begann und das sich durch eine grandiose Berglandschaft schlängelt, bestens entschädigt.


Beim Rückweg über die unterschiedlich hohen (15 - 40 cm) und oft schmalen Stufen ist große Vorsicht geboten, denn die durch den anstrengenden Aufstieg stark beanspruchte Beinmuskulatur muß auch beim Abstieg den Körper sicher tragen. Ein Wegknicken der Beine an ungünstiger Stelle kann einen gefährlichen Sturz die Steiltreppe hinunter bedeuten. Aber unsere Beine machen heute nicht schlapp, und ein gutes Stück weiter unten im Schatten eines Wachtturms erwartet uns Margit, die den Weg nach "ganz oben" diesmal noch ausgelassen hat. Fasziniert genießen wir gemeinsam für eine weitere halbe Stunde das überwältigende Panorama. Jetzt sind wir uns der Bedeutung des Sprichworts "Wer die Große Mauer nicht gesehen hat, kennt China nicht", bewusst. Auf dem Rückweg zu unserem Hotel registrieren wir nach 10 Minuten Fahrt bei zahlreichen Mauerwanderern geschlossene Augenlider und bei uns noch viel müdere Beine als am Vortag. Dankbar nehmen wir daher kurz vor Erreichen der Pekinger Innenstadt die Gelegenheit zu einer Fußmassage an, deren Technik die Bediensteten des Massagezentrums perfekt beherrschen. Nach der 30-minütigen Prozedur - natürlich mit voraufgehendem Fußbad - fühlen wir uns wie neugeboren. Trotzdem legen wir im Hotel noch eine Rast ein, bevor uns Song am frühen Abend wieder abholt.

Unser Plan, per Taxi ein bestimmtes Geschäftsviertel zu erreichen, bleibt im Verkehrsstau stecken. Kurzerhand verlassen wir die Droschke und tauchen in eine U-Bahn-Station ein. Nach 15 Minuten sind wir fast am Ziel, erreichen nach einem kurzen Spaziergang ein Spezialitätenrestaurant der offensichtlich gehobenen Kategorie, wo Song einen Tisch für uns reserviert hat. Das war wohl auch notwendig, denn im Eingangsbereich warten schon zahlreiche andere Gäste, die ohne Reservierung gekommen sind. Eine Vielzahl von geschickt platzierten Antiquitäten verleihen dem Gasthaus ein originelles Ambiente. Ein dienstbarer Geist geleitet uns über eine Treppe zu unserem Tisch auf einem Innenbalkon der ersten Etage, von wo aus wir die üppig gedeckten Tafeln des Innenhofs überblicken können. Die Mauertour hat uns doch spürbar ausgetrocknet - wir kompensieren dieses Defizit mit reichlich Bier aus 0,7 Ltr.- Flaschen. Die Bedienung ist erstaunt, wie schnell wir Nachschub verlangen, aber das Gebräu passt auch gut zu den von Song nach Rücksprache mit uns ausgewählten Speisen - pikant gewürzt und sehr schmackhaft. Song gibt uns keine Chance, die Rechnung für diese leiblichen Wohltaten zu begleichen. Er begleitet uns noch zum Hotel, bevor er sich verabschiedet. Unser nächstes Zusammentreffen wird wohl in Europa stattfinden, wo er an der englischen Salford-Universität (Manchester) als Dozent für Informatik tätig ist.