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230 Kilometer Zeitreise auf einem riesigen Strom

Luxor-TempelDer Luxor-Tempel ist ein riesiges Freilichtmuseum inmitten der Innenstadt, abends und nachts eindrucksvoll illuminiert.

Ist Ägypten ein Reiseland? Die Frage kann man getrost mit einem uneingeschränkten Ja beantworten. Denn das Land hat alles, was Reisende lieben: Sonne und Meer im Überfluss, dazu phantastische Kulturdenkmäler dank seiner Jahrtausende alten Geschichte, pulsierende Städte und – dank des Nil und der Wüsten – unglaublich abwechslungsreiche Landschaften und den Strom als Lebensader. 

In Ägypten erlebt man Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer manchmal kaum zu fassenden Symbiose. Wer also nur bis Hurghada kommt, hat zwar einen Stempel im Pass, Ägypten aber leider verpasst. Damit das nicht passiert, kann man idealerweise Erholung und Besichtigungstour buchungstechnisch miteinander verbinden. Wir haben uns eine gerechte Teilung entschieden – also sieben Tage Badeurlaub und sieben Tage Nilfahrt. Wer die Ausflüge während der Fahrt bucht, muss zum Reisepreis derzeit zwischen 216 und knapp 400 Euro pro Person addieren, je nachdem, was man sich alles anschauen will. 

Wer die Nilkreuzfahrt gleich zu Anfang seines Ägyptenaufenthaltes geplant hat, sollte sich nicht wundern, wenn es etwas anders losgeht. Denn wenn der Flieger nach 4,5 Stunden erst am späten Nachmittag landet, werden in aller Regel ein und manchmal auch zwei Nächte im gebuchten Hotel eingeschoben. Denn ab spätem Nachmittag fährt kein Bus mehr die gut vier Stunden lange Tour durch die libysche Wüste bis zum Startpunkt Luxor am Nil; aus Sicherheitsgründen wird die Route abends gesperrt.  

Ist man ein oder zwei Tage später in Luxor, dem früheren Theben, eingeschifft, wartet ein tolles Programm, das man entweder schon in Deutschland als Komplettpaket gebucht hat oder sich an Bord in Varianten dazubuchen kann. Es beinhaltet immer auch eine Reisebetreuung in Landessprache. Wir hatten mit Sarwat Labib einen studierten Germanisten und Ägyptologen an unserer Seite, der uns sympathisch und sehr fundiert die Geschichte näherbrachte, aber auch die gegenwärtigen Probleme des Landes nicht ausließ. 

Beeindruckende Sehenswürdigkeiten 

Details über die ägyptischen Kulturgüter kann man in der Fachliteratur und natürlich auch bei Wikipedia nachlesen. Deshalb wollen wir uns an dieser Stelle auf die Aufzählung unserer Stopps am Nil beschränken. Ohne zu verhehlen, dass uns alle tief und nachhaltig beeindruckt haben: von der Tempelstadt Karnak in Luxor/Theben Ost und dem grandiosen »Tal der Könige«, dem Hatschepsut-Tempel und den Memnon-Kolossen in Luxor/Theben West über den Tempel Kom Ombo, dazu der gewaltige Assuan-Hochdamm bis hin zu den Tempeln von Abu Simbel, die versetzt und auf höherer Ebene wieder aufgebaut werden mussten, damit sie nicht im aufgestauten Nil versanken.  

Alle Tempel und Gräber zeugen von Wissen, genauester Naturbeobachtung und beeindruckenden mathematischen Kenntnissen, ganz ohne Smartphone, Laptop und Wasserwaage. Und: Die damaligen Herrscher waren – oder gaben sich – sehr volksnah. Bildung und Gesundheitswesen gab es für alle Ägypter. Nachweise allerdings, wie die Menschen damals gelebt haben analog zu Schlössern und Burgen hierzulande sind in Ägypten eine absolute Seltenheit.  

Eine Schifffahrt auf dem Nil ist eine sehr entschleunigende Zeitreise. Palmen, Felder, Dörfer, Städte und Fabriken ziehen ebenso gemächlich am Betrachter auf dem Deck vorbei wie bis ans Ufer reichende Wüste, einfachste Behausungen, Eselskarren, Ruderboote, Hotels und jede Menge unbewohnter und bewohnter Inseln und Inselchen. Ackerbau und Viehzucht wie vor Urzeiten gibt es hier ebenso wie Anlagen zur Verarbeitung von Zuckerrohr oder Werke zur Herstellung von Baumaterialien.  

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In aller Regel werden die Sehenswürdigkeiten vor- bzw. nachmittags besichtigt. Doch es gibt auch Touren für Frühaufsteher. Wir wollten den Hochdamm am Nasser-Stausee von Assuan besuchen und mussten uns dafür gegen 5.30 Uhr aus der Koje quälen. Aber dieses technische Wunderwerk sollte man sich keinesfalls entgehen lassen wie auch die anschließende Fahrt auf die kleine Insel mit dem Philae-Tempel.  

Und dann Abu Simbel. Dorthin geht’s mit dem Bus auf der einzigen Straße durch die libysche Wüste, bestückt mit zahlreichen Polizei-Checkpoints. Dafür mussten wir um 3.30 Uhr aus den Federn, damit man nach etwa 3,5 Stunden nicht zu lange in der Schlange zur Besichtigung der beiden Tempel stehen muss und auch rechtzeitig den Rückweg antreten kann, bevor die Straße für die Nacht geschlossen wird. 

Woran muss man sich gewöhnen? Daran, dass z.B. während der Nilfahrt kleine Boote am Schiff festmachen und deren Insassen – Erwachsene wie Kinder – allerlei Schnickschnack verkaufen wollen, Feilschen natürlich inklusive. Und daran, dass nahezu überall Backschisch erwartet wird – ein Hinweis darauf, dass Ägypten nach wie vor ein armes Land ist. Man sollte also eine Menge Kleingeld, vorzugsweise Ein-/Zwei-Euro-Münzen mitnehmen. Und Kugelschreiber; die günstigsten Exemplare genügen. Damit macht man Erwachsenen wie Kindern eine große Freude. 

Wer gern handelt, sollte sich den Gewürzmarkt in Assuan nicht entgehen lassen. Hier kann man richtig feilschen und vielleicht das eine oder andere Schnäppchen machen. Wobei man natürlich sehr genau hinschauen und auch seine Habseligkeiten gut im Blick haben sollte: Trickdiebe gibt’s hier wie anderswo auch. In diesem Zusammenhang darf ein Angebot nicht fehlen: Eine Kutschfahrt am späten Nachmittag/frühen Abend durch Down-Town Luxor. Wer sich dieses Eintauchen in eine ebenso pulsierende wie phantastische orientalische Welt entgehen lässt, hat garantiert einen Reisehöhepunkt am Nil verpasst.  

Wer zuhause mit seinen eigenen vier Wänden hadert, dem sei ein Abstecher in ein nubisches Dorf empfohlen. Natürlich gibt es hier fließendes Wasser und Strom, und auf kaum einem Haus fehlt die Satellitenschüssel ebenso wenig wie das Handy zur persönlichen Grundausstattung der Menschen gehört. Was aber die Einrichtung angeht, so bekommt der Begriff »Einfachheit« mit Kieselboden, Strohdach, bemalten Wänden und harten Holzbänken eine ganz neue Bedeutung. Ausnahme: der gut ausgestattete Empfangsraum, in dem sich die (Groß-)Familie trifft, plaudert, diskutiert. Übrigens: Nubische Familien bekommen Besuch immer für mindestens drei Tage; wer früher weg will, ist unhöflich.

Bildergalerie

Ägypten und seine Lebensader, der Nil 

Derzeit leben rund 104 Millionen Menschen in Ägypten; jedes Jahr kommen bis zu 2,5 Millionen neue Bürger hinzu – Ägypten ist folgerichtig ein sehr „junges“ Land. Doch dieser Bevölkerungszuwachs stellt das Land vor enorme logistische und strukturelle Probleme. Nach wie vor auf dem Stand eines Entwicklungslandes, müssen dringend neue Siedlungsgebiete erschlossen werden, denn die Ufer am Nil sind bereits übervölkert. Und so gibt es Projekte wie das in der libyschen Wüste, das mit Wasser vom Nasser See über einen neuen Kanal versorgt wird und wo in naher Zukunft bis zu 5 Mio. Menschen leben und arbeiten sollen – mit allen notwendigen Infrastruktur. Darüber hinaus werden in allen größeren Städten des Landes neue Vororte aufgebaut, um dem Wohnungsmangel Herr zu werden.  

Der Nil ist die Lebensader Ägyptens. An seinen Ufern wird nahezu alles angebaut, was die Menschen zum täglichen Leben benötigen; lediglich Weizen muss im Ausland gekauft werden.  

Was bei einer Schiffsreise auf dem Nil auffällt, ist das fast vollständige Fehlen von Frachtschiffen. Grund sind die Schleusen, die die Fahrzeiten verlängern. Außerdem traut man der Stromversorgung nicht so recht. Die ist zwar schon viel besser als noch vor Jahren, trotzdem will kein Flussschiffer mit seinem Kahn wegen eines Stromausfalls in einer Schleuse stecken bleiben. So werden die meisten Güter per Lkw transportiert, der Rest mit der Bahn.

Auffällig sind die vielen Inseln auf dem Nil, sie gehören dem Staat, der die landwirtschaftlich nutzbaren an Bauern verpachtet. Die meisten sind erst sichtbar, werden teilweise landwirtschaftlich genutzt und sind manchmal auch bewohnt, seit der Strom durch den Assuan-Hochdamm im Nasser-See „gezähmt“ wurde und es deshalb seitdem die jährlichen Überschwemmungen nicht mehr gibt. Der Nilschlamm, der bei Überschwemmungen bis in die Wüsten hinein das Land bedeckte und düngte, wird nun im Nasser-See abgelagert. Hier wird er ausgebaggert und als Dünger an die Bauern am Ufer verkauft.

Sozialsituation 

Was die alten Ägypter – so berichtete jedenfalls unser Reiseführer – schon hatten, nämlich Bildung und Krankenversorgung für alle, muss sich das „moderne“ Ägypten heute wieder langsam erarbeiten. So gibt es zwar eine allgemeine Schulpflicht, doch es wird selten kontrolliert, ob die Kinder auch erscheinen. Und so schicken Familien in den Touristenzentren nicht selten den Nachwuchs los, um Schnickschnack zu verkaufen oder auch ganz einfach zu betteln, statt in die Schule. Folgerichtig ist die Analphabetenquote auch sehr hoch.  

Aber der Staat stattet Schulen erfreulicherweise mit modernen Mitteln wie PC und Tablets aus, so dass auch da Besserung zu erwarten ist. Außerdem entstehen neue Universitäten mit angeschlossenen Wohnheimen für Studenten. Die Wohnungen gibt es kostenlos, wenn die Leistungen stimmen.  

2019 noch soll zumindest für ganz Bedürftige eine Krankenversicherung eingeführt werden, um deren Gesundheitsversorgung zu sichern.  

Oft sind den Moscheen bzw. christliche Kirchen auch Hospitäler angeschlossen, in denen Kranke behandelt werden. Und auch in Militärkrankenhäusern werden Menschen im Notfall versorgt.  

Sicherheit und Tourismus 

Allen Anschlägen radikaler Attentäter auf christliche Einrichtungen zum Trotz bezeichnete unserer Reiseleiter die Sicherheitslage in Ägypten als gut. Und das können wir aus unserem kurzen Eindruck bestätigen. Zwar gibt es jede Menge Polizeiposten und Checkpoints an den stark befahrenen Straßen, Schleusen und in den Städten. Aber anders kann man sich in Ägypten vermutlich nicht gegen einsickernde Terroristen und Attentäter schützen. Militär wird zum Schutz strategisch wichtiger Einrichtungen wie des Assuan Hochdammes eingesetzt, der für die Wasser- und Stomversorgung des Landes ganz einfach unverzichtbar ist. 

Und: Sicherheit bedeutet Touristen, bedeutet Deviseneinnahmen, die 2019 nach einer Durststrecke seit 2011 wieder 10 Mrd. erreichen sollen, fast so viel wie vor den Attentaten 2010 und seit dem „arabischen Frühling“ – von unserem Reiseleiter ganz offen als Katastrophe bezeichnet.  

Für Rucksacktouristen oder Individualreisende ist Ägypten nicht unbedingt das „gelobte Land“. Zwar kann man Pkw mieten, und man kann mit Bussen und Bahnen – so verfügbar – durchs Land fahren. Aber diese Touren muss man beim Innenministerium bzw. der Reisegesellschaft anmelden – aus Sicherheitsgründen. Denn die Behörden wollen keinesfalls, dass im Land am Nil ein ausländischer Besucher „verloren“ geht. 

Der Assuan-Hochdamm/Nasser-See 

Hinter dem Assuan-Hochdamm wird der Nil im Nasser-See auf rund 500 Kilometer aufgestaut: 300 Kilometer in Ägypten, 200 Kilometer im Sudan. Der Damm selbst ist maximal 3830 Meter lang und maximal 111 Meter hoch; an der Krone ist er bis zu 40 breit. Durch zwölf Turbinen presst sich der Nil hindurch und produziert dabei einen Großteil des im Land benötigten Stroms. Gebaut wurde der Staudamm zwischen 1960 und 1971 mit russischer Hilfe, nachdem westliche Länder aus politischer Verärgerung aus dem Projekt ausgestiegen waren. 

Für den Dammbau musste die Volksgruppe der Nubier (rund 50.000 Menschen) umgesiedelt werden, die heute rund um Assuan und Kom Ombo lebt. Mittlerweile wollen gerade ältere Nubier wieder zurück in die alte Heimat an den Rand des heutige Nasser-Sees; das erlaubt und unterstützt die ägyptische Regierung auch, um keine Unruhe aufkommen zu lassen.

Der große Tempel von Abu Simbel – er musste, wie auch die kleinere Ausgabe, dem Nasser-See weichen. Dafür wurden sie in tonnenschwere Blöcke zersägt, die am Seeufer etwa 60 Meter höher vor einer Betonkuppel wieder zusammengesetzt wurden, in die auch die Tempelkammern eingebaut wurden. 

Was nervt

Erschreckend ist die offensichtliche Vermüllung des Landes. Ob die Ufer des Nil oder die Ufer der Bewässerungskanäle, ob Wüsten oder der Nil selbst: Immer und überall sieht oder stolpert man über Müll, insbesondere über Massen an Plastik. Dieses Material ist immer und überall gegenwärtig. Selbst in Hotels muss man Getränke in Plastikbechern zum Pool oder zum Strand balancieren. Hier können bzw. müssten Reiseunternehmen mehr auf Hoteliers einwirken, um so auch im Land am Nil den Umweltschutzgedanken ins Bewusstsein der Ägypter zu rücken – auch wenn das vermutlich nur sehr langsam geht.

(Text und alle Fotos: www.hallo-luebbecke.de)

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