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18 harte Kilometer durch die Schlucht der weißen Berge

Die Samaria-Schlucht liegt im Gebirgsmassiv der weißen Berge (Lefka Ori) und zählt zu den wildesten Naturschönheiten Europas. Wer Kreta (Griechenland) einmal besucht, der sollte sich diesen Fußmarsch auf der Insel nicht entgehen lassen. In Jahrtausenden haben Wildwasser einen Felseinschnitt geschaffen, der an manchen Stellen bis zu 600 Meter tief eingeschnitten ist. Die Schlucht erstreckt sich von der Hochebene von Omalos bis zum Libyschen Meer, ist ungefähr 18 Kilometer lang und variiert in der Breite zwischen zwei und 40 Metern.

Der Abstieg zur Samaria-Schlucht auf Kreta ist eine Herausforderung an die Leistungsfähigkeit des Menschen, aber er bietet dafür den einmaligen Blick auf ein Stück fast noch unberührter Natur. Für uns war an diesem Tag die Nacht um 5 Uhr vorbei. Ab 6 Uhr ging es mit dem Bus von Rethimnon über Vrises, Sauda, Chania und Alikianos bis hinauf zu der Omalos-Ebene. Hier empfiehlt es sich, noch eine kleine Stärkung zu sich zunehmen, denn in den nächsten 5 bis 6 Stunden wird es nichts mehr geben.

Noch ist die Luft klar, und die Sonne liegt noch weit hinter den Bergen. Ein kühler Wind vermittelt uns die Illusion, dass wir heute wohl der brütenden Hitze entkommen werden. Wenn wir da nur geahnt hätten, was auf uns zukommt, wir wären erst gar nicht losgegangen. Aber man ist ja durch und durch „Sportsmann“. Da kann einem ja nichts passieren!.

Wir stehen am Eingang der Samaria-Schlucht. Am Eingang bekommt jeder Besucher eine Eintrittskarte mit einer Nummer und dem Tagesdatum. „Die Kosten für den Tagesausflug haben wir bereits bezahlt“, denken wir und lassen die Eintrittskarte in unseren Hosentaschen verschwinden. Wofür also noch eine Eintrittskarte? Diese Frage wird uns erst am Ende des mühsamen Spazierganges  beantwortet werden.

Das „Xyloskalon“, das „Holztreppchen“, bildete einst den Eingang zur Schlucht. Hier hatte man Baumstämme aneinandergelegt und Stufen eingearbeitet. Dieser Abstieg war nur Männern vorbehalten, für Frauen war die Anstrengung einfach zu groß. Heute ist ein schmaler, serpentinenartiger Pfad in die eine Seite der Felsenschlucht gehauen, den man mühsam und sehr vorsichtig herabsteigen muss. Die Schlucht stürzt von der Omalos-Ebene 800 Meter tief bis zum Flussbett, im Sommer der einzige Weg durch die Schlucht, im Winter ein reißender Strom, der die Passagierung einfach unmöglich macht und dessen Tosen weithin zu hören ist.

Die Anstrengung des vier Kilometer langen Herabsteigens wird durch die wunderbare Natur honoriert. Der Berg gegenüber scheint zum Greifen nah; wenn der Wald sich hin und wieder lichtet, kann man einen Blick nach unten werfen, Schwindelerregend, besonders bei dem Gedanken, dort hinunter zu müssen. Noch hat man die Kraft, die Landschaft zu bewundern: Sie ist es wahrlich wert, solch konzentrierte Wildheit gibt es in ganz Europa nicht.

 

 

Inzwischen hat sich die Sonne hochgearbeitet. Es herrscht absolute Windstille. Wir denken an Umkehr! Aber eine Rückkehr wäre gar nicht mehr möglich. Der Rückweg ist noch viel schwieriger, also vorwärts, auch wenn die Glieder langsam eine bleierne Schwere erreicht haben. Wir schlürfen, den Kopf gesenkt, einfach nur noch so vor uns hin. Die Füße sind geschwollen. Wenn der Weg das nächste Mal ein kleines Rinnsal überquert, werden wir erstmal unsere müden Füße kühlen. Wir lassen uns auf einen Felsbrocken fallen und versuchen unsere Schuhe auszuziehen. Ein sehr anstrengender Augenblick, unsere armen Füße. Große Blasen haben sich an den Fußballen gebildet. Es ist ein Gefühl wie Weihnachten und Ostern auf einen Tag, als wir unsere geschundenen Füße in das klare und kalte Gebirgswasser halten.

Dabei haben wir noch nicht einmal die Hälfte der Strecke geschafft. Bei Kilometerstein „8“ liegt das verlassene Dorf Samaria vor uns. Noch vor 35 Jahren, bevor die Schlucht vom Tourismus entdeckt wurde, hatte noch nie ein Fremder seinen Fuß in dieses Dorf gesetzt. Heute sind es über 1000 Urlauber täglich, die die Schlucht durchwandern. Die Menschen, die hier wohnten, waren von der Welt abgeschlossen, andererseits aber auch von ihr unbesiegbar.

Nach sechs Kilometern unter brennender Sonne träumen wir von eiskalter Limonade und einem erfrischenden Bad im Libyschen Meer, bevor wir mit dem Schiff zurück nach Chora Sfakion fahren. Plötzlich erblicken wir hoch oben im Felsen ein Kri-Kri, eine sehr seltene und streng unter Naturschutz stehende Wildziege, die früher auch im Kaukasus, heute nur noch in der Samaria-Schlucht vorkommen. Trotz ihrer außergewöhnlichen Scheuheit überlebte die Ziege nur dank der Wildheit der Natur in der Schlucht, in deren Wänden sie sich praktisch unangreifbar, ihr Reich schuf.

Den Sinn für die Naturschönheiten haben wir bereits seit einigen Kilometern restlos verloren, dominierend ist die Müdigkeit, die Erschöpfung und der Schmerz in den Beinen. Kilometerstein „15“ liegt bereits hinter uns, aber wir sehen immer noch kein Meer. Endlich geschafft, der Ausgang der Schlucht liegt vor uns. Zwei junge Männer begrüßen uns freundlich und fragen nach der Eintrittskarte. Wir müssen sie abgeben, als Beweis, dass wir die Schlucht wieder verlassen haben. Per Sprechfunk werden die Nummern der Karten zwischen Ein- und Ausgang kontrolliert, so dass niemand, der vielleicht Hilfe braucht, unbemerkt in der Schlucht zurückbleibt. Aber wo ist das Meer, die Schiffe, auf denen wir endlich ausruhen können? Ein Blick auf die Uhr treibt uns von neuem an. Um 17 Uhr fährt das letzte Schiff nach Chora Sfakie, und wir haben noch 20 Minuten. Endlich der Hafen. Die Tavernenwirte schauen mitleidig auf die erbärmliche Prozession, sie sehen so etwas jeden Tag. Nach ein paar kühlen Getränken und einem Bad im Libyschen Meer sind wir endlich an Bord.

Wir fahren die Küste entlang nach Westen, die ganze Pracht der sich ins Meer steil herabstürzenden weißen Berge läuft neben uns ab wie ein Film. Wir alle, an diesem Tag war es 635 Urlauber, sind stolz, dass wir es geschafft haben. Gut, dass wir vorher nicht wussten, was uns bevorstand, wir hätten den Mut zur Durchquerung der Schlucht nie aufgebracht. Unsere Körper sind wie zerschlagen, wir genießen das Liegen auf den Tauen. Eins steht fest, die Wanderung hat sich gelohnt, jede Minute, Hitze und Staub, geschundene Füße, die Natur hat alles übertroffen.

Um 18 Uhr 30 kommen wir mit dem Schiff in Chora Sfakion wieder an. Mit dem Bus geht es dann über Askyfou, Vrises zurück nach Rethimnon und zum Hotel.  Um 20 Uhr liegen wir völlig erschöpft im Bett. Unsere letzten Gedanken: „Im nächsten Jahr werden wir die Schlucht wieder durchwandern, nur werden wir dann einige Stunden früher am Eingang der Schlucht sein.“ (Text und Fotos: Presse-BILD-Agentur Martin Kemper)

Weitere Infos erteile die Griechische Zentrale für Fremdenverkehr. Neue Mainzer Str. 22. 60311 Frankfurt/a.M. Telefon 0049 (0) 69 257 82 70

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