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Was den Menschen zum Menschen macht...

Buch Kaffee und Zigaretten
Wer Romane schreibt, hat es vergleichsweise leicht: Ein tragende Story, zusätzlich Nebenschauplätze, das gut erzählt – und mit ein bisschen Glück stellen sich Erfolg und Applaus der Leserschaft ein. Anders ist es mit Kurzgeschichten. Da steht der Autor permanent unter dem Druck, liefern zu müssen: abwechslungsreich, vielleicht spannend, eventuell amüsant, lehrreich und/oder nachdenklich – und auf jeden Fall natürlich kurz. 

Kein Wunder, dass bei so vielen Voraussetzungen die Schar guter Short-Story-Autoren eher übersichtlich ist. Umso glücklicher können wir uns schätzen, dass Ferdinand von Schirach seinen Juristenjob an den Nagel gehängt hat und in diese »schreibende Zunft« gewechselt ist.

Mit »Kaffee und Zigaretten« hat er jetzt eine Sammlung von Kurzgeschichten vorgelegt, die persönliches Erleben, Begegnungen und Beobachtungen zum Inhalt haben. Schon bei den Überschriften hält sich von Schirach an die Vorgabe »kurz« und nummeriert sie einfach von eins bis 48 durch.

Manche – und das ist ja auch ein Wesensmerkmal von Kurzgeschichten – haben als letztes Satzzeichen für das Lesegefühl keinen Punkt, sondern ein Fragezeichen. Gefolgt von einem unsichtbaren »Warum?« oder vielleicht auch »Was noch?« Liest man sie mit Abstand zum zweiten oder dritten Mal, beantworten sich diese nicht ausdrücklich gestellten Fragen - vielleicht...

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Insbesondere aber macht von Schirach deutlich, wie enorm die Bedeutung von Gesten und Worten ist. Welche Haltung sie ausdrücken und welche Folgen sie haben (können). So macht der passionierte Raucher von Schirach keinen Hehl aus seiner Bewunderung für Ex-Kanzler Helmut Schmidt, den Rauchverbote und selbst das Wissen um die Gesundheitsgefahr dieses Lasters nicht beeindruckten: »Es interessierte ihn einfach nicht.« 

Auch das unsägliche »Fliegenschiss«-Zitat des derzeitigen AfD-Bundessprechers Gauland ist von Schirach eine Erwähnung wert: Als Beispiel dafür, dass es ist die Sprache ist, die unser Bewusstsein verändert. Verbrechen, Menschenverachtung: Am Anfang steht immer Hass, Hass, der aus der Dummheit kommt. »Hass ist die furchtbarste, die gefährlichste Haltung zur Welt«, gibt der Autor seinen Lesern mit auf den Weg. Und selbst die Ignoranz von US-Präsident Trump im Umgang mit der hochbetagten britischen Queen ist von Schirach ein Dutzend (Lach-)Zeilen wert. Abschließend sei erwähnt, dass »Kaffee und Zigaretten« getragen und geprägt ist von Schirachs Grundüberzeugung, dass »die Würde des Menschen unantastbar« ist. 

Auf jeden Fall bieten von Schirachs Kaffee- und Zigarettengeschichten mit ihren melancholischen Momenten und Glücksepisoden viel Stoff zum Nachdenken und zu Gesprächen – auch zu Streitgesprächen. 

»Kaffee und Zigaretten«, Erzählungen von Ferdinand von Schirach, 4. Auflage 2019, 190 Seiten, Luchterhand Literaturverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, ISBN 978-3-630-87610-8, Gebundene Ausgabe 20 Euro, Kindle 15,99 Euro.
Text: www.hallo-luebbecke.de