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Kleines Tagebuch legt Zeugnis ab vom Erlebten

Wer in der Vergangenheit lebt, versperrt sich in aller Regel den Weg in die Zukunft. Wer aber die eigene Zukunft positiv gestalten will, tut gut daran, sich der eigenen Vergangenheit bewusst zu sein und sich ihrer zu erinnern; sie zu verdrängen, das zeigt die Lebenserfahrung, hilft ebenso wenig wie »Verniedlichung« oder Herunterspielen. Insofern sind Bücher von Zeitzeugen der Nazi-Gewaltherrschaft von größter Bedeutung für die nächsten Generationen. Denn die Lebenszeit derer, die diese unglückselige Ära erleben mussten, läuft langsam aber sicher ab.

Tagebuch Nazizeit

Bücher wie dieses »Tagebuch« können gutes Material für Geschichtsunterricht sein und gehören in eine Reihe mit den »Tagebüchern der Anne Frank« oder den jetzt erschienenen »Geheimen Tagebüchern der Anna Haag«. Foto: www.hallo-luebbecke.de

Sich der eigenen Vergangenheit zu stellen, heißt immer auch, die Frage nach persönlicher Verantwortung zu stellen. Was nicht leicht ist, wie jeder weiß, der mit in der Nazizeit aufgewachsenen Verwandten über diese Jahre hat sprechen bzw. diskutieren können. Aber es braucht keine Literaturpreis verdächtige Darstellung jener Zeit, um das Grauen, die Hilfs- und Hoffnungslosigkeit von Menschen eindrucksvoll zu schildern.

Genau dies ist Eva-Maria Küchling-Marsden gelungen. Ihr Büchlein mit dem Titel »So habe ich es erlebt: Erinnerungen an schwere Zeiten« ist vom Ingeborg Verlag Horn-Bad Meinberg bezeichnenderweise in Form eines Tagebuches herausgegeben worden. Die inzwischen hochbetagte Autorin – geboren am 14. August 1922 in Braunschweig und nach ihrem Studium ab Frühjahr 1951 im Einsatz beim Obersten Rückerstattungsgericht mit internationalen Richtern in Herford – hat auf den vergleichsweise wenigen 168 Seiten Jahre der Schreckensherrschaft skizzenhaft zusammengefasst. Nicht akribisch genau, sondern wie sie – in der Rückschau – diese Zeit erlebt hat, was sie vielfach mit dem Hinweis »Wie ich mich erinnere« unterstreicht. 

Dabei lässt sie nichts aus. Sie verschweigt nicht ihre anfängliche Begeisterung, in der Mädels-Nachwuchsorganisation mitmachen und aufsteigen zu können. Sie verschweigt nicht, dass ihr die Unfähigkeit zur totalen Anpassung Probleme bereiteten. Sie verschweigt nicht die eigene Naivität und die Tatsache nur weitgehend staatlich gelenkter Informationspolitik. Erst das Studium in Heidelberg ermöglichte ihr eine andere Sicht auf die Dinge. Sie verschweigt nicht die Sprachlosigkeit, die sich in einem totalen Überwachungsstaat breit machte, ihre Angst vor Gestapo und in eigener so genannter Schutzhaft und die tiefe Enttäuschung, feststellen zu müssen, verraten worden zu sein von jemanden, von dem sie das nie erwartet hätte. Sie verschweigt nicht Ungläubigkeit und Verstörung darüber, dass im Laufe kurzer Zeit immer mehr jüdische Mitbürger/ Freunde verschwinden...

Sie verschweigt nicht ihre Angst um die weiter entfernt wohnenden Eltern in den furchtbaren Bombennächten – und das sehnsüchtige Warten auf die amerikanischen Soldaten, die als Befreier am 30. März 1945 in Heidelberg willkommen geheißen wurden. 

Besonders beeindruckend sind in dem Büchlein die letzten Seiten des »echten« Tagebuches, die die Autorin ganz bewusst ihren Nachkommen gewidmet hat. Sie machen, wie andere Stellen, klar, dass es auch in der Nazizeit in kleinen Alltagssituationen die Möglichkeit zur Entscheidung gab. Widerstand oder Anpassung: nicht unbedingt im Großen, aber im Kleinen, im persönlichen Bereich. 

Bücher wie dieses können gutes Material für Geschichtsunterricht sein und gehören in eine Reihe mit den »Tagebüchern der Anne Frank« oder den jetzt erschienenen »Geheimen Tagebüchern der Anna Haag«. Jungen Menschen können sie Orientierungshilfe sein, ältere und besonders diejenigen, denen der Ruf »unverbesserlich« anhängt, vielleicht zu einem Moment des Nachdenkens anregen.

»So habe ich es erlebt: Erinnerungen an schwere Zeiten«, Tagebuch von Eva-Maria Küchling-Marsden, 168 Seiten, ISBN: 978-3-945935-03-3, Ingeborg Verlag Horn-Bad Meinberg 2018, 14,99 Euro. Text: www.hallo-luebbecke.de

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