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Gysi: charmant-eloquente Werbeikone der Linken

Man kann ihn mögen, muss es aber nicht. Ihm ist es prinzipiell egal, obwohl auch er natürlich gern gemocht werden möchte. Aber mit Abneigung kann Gregor Gysi durchaus auch leben, der in diesem Fall sagt: »Ich habe mich dazu entschieden – ich hasse nicht zurück.« Ganz gleich aber, ob man ihn mag oder nicht: Gregor Gysi, nach wie vor das »Aushängeschild« der Linkspartei, ist ein charmanter Unterhalter, brillanter Analytiker, begnadeter Rhetoriker – und kommt zum von der VHS Löhne organisierten Polittalk in der Werretalhalle gut 30 Minuten zu spät.

 Gregor Gysi, nach wie vor das »Aushängeschild« der Linkspartei, ist ein charmanter Unterhalter, brillanter Analytiker, begnadeter RhetorikerOk – der Weg von Berlin nach Löhne ist weit. Aber die gesamte Republik kennt die Verkehrsverhältnisse auf der A2, der so genannten »Warschauer Allee«. Dass der Politprofi dem nicht mit rechtzeitigem Start in der Hauptstadt Rechnung trägt, verwundert schon und verärgert so manchen der gut 300 Besucher.

Aber elegant und eloquent geht Gysi darüber hinweg – und wie er dann auf Fragen zweier NW-Journalisten sein neues Buch »Ausstieg links? Eine Bilanz« und damit wiederum Politik erklärt, war in jedem Fall die Wartezeit wert. Gysi spricht verständlich, nicht das verquaste Politiker-Kauderwelsch, von dem Menschen offenbar »die Nase voll haben«. Er vereinfacht und erklärt immer an Beispielen, was er meint. Das bringt ihm mehrfach viel Beifall ein.

Die Frage nach der Regierungsfähigkeit der Linken beantwortet er selbstbewusst: »Dazu braucht es nicht viel, das schaffen wir bequem. Und Ziel ist ein sozialeres Land. Die Union hat sich entsozialisiert, die SPD hat sich entsozialdemokratisiert.« Die Agenda 2010 müsse dringend korrigiert, endlich die Rentenfrage gelöst werden. 80 bis 90 % der Wähler wollten einen Wechsel. Für die Linken bedeute das, kompromissfähig zu werden. Denn wer das nicht ist, sei nicht demokratiefähig. Und dabei komme es immer noch darauf an, die eigene Identität nicht zu verlieren. Der Union riet er, konservativer zu werden und in die Opposition zu gehen, die anderen Regierungsparteien sollten sozialer werden.

Gregor Gysi, nach wie vor das »Aushängeschild« der Linkspartei, ist ein charmanter Unterhalter, brillanter Analytiker, begnadeter RhetorikerDie EU sieht Gysi höchst kritisch, will sie aber retten. Derzeit sei die EU sozial nicht gerecht, intransparent, bürokratisch. Aber man brauche sie – schon für die international lebende Jugend hierzulande und als Friedenspol. Die Rückkehr zu den alten Nationalstaaten würde Europa politisch und wirtschaftlich noch mehr schwächen. Die Einführung des Euro ohne entsprechende Basis sei ein großer Fehler gewesen.

Gysi wirft Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble vor, nicht nur die Solidarität mit Griechenland, sondern mit ganz Südeuropa aufgekündigt zu haben. Statt eines Aufbauprogramms werde „»kaputt gespart«. Das sei Grund für den Rechtsruck in Ungarn und Polen, Frankreich und den USA – und für das Erstarken der AfD in Deutschland.

Um das Flüchtlingsdrama in den Griff zu bekommen, müssten die Fluchtursachen vor Ort schnell und wirksam bekämpft werden. Dazu müssen man gegenüber den USA und Russland auch mal hart auftreten. Allerdings seien die Sanktionen gegen Russland falsch gewesen. »Wir haben andere Interessen als USA und Russland. Und das muss man auch so artikulieren!«

Die AfD werde von Menschen gewählt, die sich sozial abgehängt fühlten. Eine Regierungsbeteiligung der AfD lehnt Gysi ab: »Die Rechten setzen um, was sie ankündigen. Das ist in der Regierung zu gefährlich.«

Besonders drängend sei die Lösung der Rentenfrage. Dabei sei die doch ganz einfach zu lösen, und das schon seit einem Jahrzehnt: »Alle mit Erwerbseinkommen zahlen in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Wer mehr will und kann, soll das tun. Die Beitragsbemessungsgrenze muss weg. Und bei der Höchstrente wird eine Abflachung eingebaut.« Leider sei das mit der SPD ja auch nicht zu machen. Was ihr fehle, sei ein leidenschaftlicher Typ. Parteichef Gabriel? »Seine Leidenschaft ist auszuhalten«, formuliert Gysi vielsagend...

In Sachen Finanzen attestiert Gysi der derzeitigen Regierung ein »sexuell-erotisches Verhältnis zur schwarzen 0«. Die großen Parteien hätten es versäumt, die Demokratie attraktiver zu machen. »Warum verbindet man Wahlen nicht mit Volksentscheiden zu wichtigen Fragen? So hätten die Menschen zumindest das Gefühl, mitgestalten zu können!«

Die Frage nach einer Kanzlerschaft beantwortet Gysi mit einem klaren »Nein«; lieber wolle er Alterspräsident im Bundestag werden...Die jüngste »Entschuldigung« von Kanzlerin Merkel in der Flüchtlingsfrage nannte Gysi »schon fast peinlich. Bei diesem Thema hat die Politik völlig versagt und durch mangelnde Strategie und Offenheit das Misstrauen der Menschen gegen Politiker befördert. Merkel sagte »Wir schaffen das«, meinte aber »Ihr schafft das« – und hat Länder und Kommunen bei Finanzierung und Aufbau von Kontrollen allein gelassen.«

In Sachen Verschleierung/Burka-Verbot ist der Linken-Politiker sehr deutlich: »Verschleierung darf es in allen öffentlichen Einrichtung nicht geben. Auf der Straße kann sich jeder so anziehen, wie er will.« Von den muslimischen Organisationen in Deutschland aber wünscht sich Gysi, »dass sie sich mal deutlich gegen den Missbrauch des Islam äußern!«

Wende und Wiedervereinigung sind für den Linken-Politiker auch ganz persönlich eine »ungeheure Bereicherung«. Allerdings seien nach der Wende schwere Fehler gemacht worden. »Wer so groß siegt, sollte großzügig sein. Das hat die Bundesrepublik versäumt. Man hätte ohne Not dem Osten einige wichtige Dinge lassen sollen bzw. können wie Polikliniken und das flächendeckende Kita-System. Das hätte den Menschen gezeigt, dass es doch Gutes in ihrem Lande gab – und hätte das Zusammenwachsen vielleicht erleichtert.«

Die Frage nach einer Kanzlerschaft beantwortet Gysi mit einem klaren »Nein«; lieber wolle er Alterspräsident im Bundestag werden...

Das Buch "Ausstieg links? Eine Bilanz"

Viel mehr Einblick in Innenleben und Entscheidungskriterien des Gregor Gysi liefert sein Buch »Ausstieg links? Eine Bilanz«. Es unterscheidet sich jedoch komplett von der üblichen »Bilanz«. Vielmehr ist es als Interview verfasst, nachgefragt und aufgezeichnet von Stephan Hebel. Das hebt das 218-Seiten-Buch auch aus der Reihe gängiger Biografien deutlich heraus. »Ausstieg links? Eine Bilanz« beinhaltet neben der persönlichen Darstellung vieler Vorgänge einen Insiderblick in »Denke«,  Strukturen und Abläufe der ehemaligen DDR - und ist damit gerade auch für die jüngere Generation ein lesenswertes Stück wichtiger deutscher Geschichte.

»Ausstieg links? Eine Bilanz«, von Gregor Gysi, nachgefragt und aufgezeichnet von Stephan Hebel, Westend Verlag GmbH, 218 Seiten, ISBN 978-3-86489-116-8, broschiert 16,99 Euro, E-Book-Version 12,99 Euro