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Europa braucht den Euro nicht

Wenn Thilo Sarrazin zur Feder greift – sich also an den PC setzt und ein Buch schreibt -, ist Stress vorprogrammiert. Unbestritten ist: Der Mann polarisiert. Ob mit seinen Äußerungen und Feststellungen in „Deutschland schafft sich ab“ oder in seinem neuesten Werk „Europa braucht den Euro nicht“. Die Frage ist: Warum bezieht Sarrazin stets verbale Prügel für seine Bücher?

Wenn man sich durch seinen jüngsten Wälzer – wieder 462 Seiten stark mit allein 42 Seiten Anmerkungen und Quellennachweisen – gekämpft hat, kann man diese Frage vermutlich beantworten. Sarrazin hält der herrschenden politischen Kaste in Deutschland – wieder einmal – den Spiegel vor. Das passt vielen nicht, ganz gleich, welche Farbe ihr Partei-Logo hat. Denn es ist gerade für Spitzenpolitiker, die meist ja immer auch Selbstdarsteller und manchmal sogar „Unterhaltungskünstler“ sind oder sein wollen, nicht leicht, in den Sarrazin-Spiegel zu gucken und da jemandem ins Gesicht zu schauen, dem Vertragsbruch und unterschwellig das „Verbrennen von Steuergeld“ vorgeworfen wird.

Denn darauf reduziert sich alles, was Sarrazin kenntnisreich und akribisch zusammengetragen hat. Ob Merkel und alle anderen Euro-Verfechter wollen oder nicht: Sie müssen zugeben, dass das Grundprinzip der Maastricht-Verträge, nämlich der Ausschluss der Haftung der Gemeinschaft für die Misswirtschaft einzelner Staaten, längst unterlaufen worden ist. Auch für den Laien gut verständlich macht er die Folgen an einem einfachen Beispiel fest: Niemand in einem Wohnhaus oder einer Siedlung käme auf die Idee, für die Schulden des oder der Nachbarn zu haften. Warum das auf die europäische Bühne übertragen anders sein soll, ist für Sarrazin lediglich eine politische, keinesfalls aber eine wirtschaftlich rationale Entscheidung.

Wenn Thilo Sarrazin zur Feder greift – sich also an den PC setzt und ein Buch schreibt -, ist Stress vorprogrammiert. Unbestritten ist: Der Mann polarisiert. Weiter müssen die Euro-Verfechter zugeben, dass es in den Staaten Europas Unterschiede in Kultur, Politik, Wirtschaftsverständnis und Produktivität gibt, die nicht einfach mit einer gemeinsamen Währung übertüncht werden können. Vielmehr habe der gemeinsame Euro den „schwachen“ Staaten letztlich geschadet, konstatiert der Autor. Und sie müssen zugeben, dass Europa nicht scheitert, wenn Griechenland oder ein anderes „klammes“ Mitglied die Euro-Zone verlässt. Denn Europa hat es ja auch schon vor dem Euro gegeben – und wird auch auch nach dem Euro noch geben. Lediglich die fixe Idee der „Vereinigten Staaten von Europa“, deren erster Schritt die gemeinsame Währung sein sollte – ein Schritt, der besser am Ende gestanden hätte -, wird immer unwahrscheinlicher, wenn sie denn überhaupt je eine Chance auf Realisierung hatte. 

Sarrazin entlarvt den Merkel-Satz „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“ als politisch gewollte Rechtfertigung für den Bruch der Maastricht-Verträge. Und die immer wiederholte Behauptung, Deutschland profitiere vom Euro, verweist er mit vielen Zahlen ins Reich der Märchen.

Mittlerweile scheint sich aber auch in der bundesdeutschen Politik so etwas wie Erkenntnis durchzusetzen, dass ein Ausstieg Griechenlands – und vielleicht sogar auch anderer „klammer Staaten“ – aus der Eurozone nicht mit dem Scheitern der „Idee Europa“ verbunden ist. Der Vorstoß von Bayerns Finanzminister Markus Söder (CDU) ist dafür ein Beispiel. Sein Satz „…Schuld an den Problemen in Griechenland sind die Griechen und sonst keiner“ lässt darauf schließen, dass er Sarrazins Buch gelesen hat – und seine Schlussfolgerungen daraus zieht. Da erstaunt es kaum, dass auch er für seine  Äußerung „politische Prügel“ bezog. Und die Zahl hochrangiger Politiker, die weitere deutsche Finanzhilfen für Griechenland ablehnen, steigt… Ob mit bangem Blick auf weitere „Wackelkandidaten“, kann nur gemutmaßt werden.

Nicht vergessen werden darf, dass Sarrazins Euro-Buch natürlich wieder voller „Fachchinesisch“ steckt, so dass Fachfremde wohl häufiger zum Lexikon greifen müssen. Auch Wirtschaftsenglisch zu beherrschen ist angesichts zahlreicher Zitate auf Englisch überaus wertvoll. Und dass der Autor jede Menge Fachleute zitiert, deren Herkunft und Bedeutung längst nicht immer erklärt werden und für den Laien deshalb meist nicht einschätzbar ist, macht das Lesen dieses Buches nicht einfacher. Was aber an seiner Aussagekraft letztlich nichts ändert.
„Europa braucht den Euro nicht“, von Thilo Sarrazin, DVA, ISBN 978-3-421-04562-1, 462 Seite, im Buchhandel, z.B. in der Bücherstube Lübbecke, für 22,99 Euro.