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Die Kunst, kein Egoist zu sein

Wer möchte sich schon gern als „Egoist“ bezeichnen bzw. „beschimpfen“ lassen? Wohl niemand. Und doch passt dieser Begriff in gewisser Weise und gewissen Situationen auf jeden von uns. Meint jedenfalls der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht. Mit den Gründen, warum das so ist – und was man dagegen tun kann, wenn man denn will – hat er sich intensiv auseinander gesetzt: auf immerhin 544 Seiten in seinem Buch „Die Kunst, kein Egoist zu sein“.

Der „Wälzer“ erhebt ganz sicher als Sachbuch nicht den Anspruch, wie ein spannender Krimi eventuell in einer Nacht verschlungen zu werden. Spannend aber ist er trotzdem, auch wenn man sich Schritt für Schritt, Abschnitt für Abschnitt die Gedankenwelt und Argumente des Autors erlesen muss. Dafür hat Precht beeindruckende Recherchearbeit geleistet. Allein der Anhang samt Personenregister als Nachweis seiner Quellen umfasst 53 Seiten. Wären alle Autoren so sorgfältig, hätte es Plagiats-Affären-Rücktritte von Politikern nicht gegeben.

„Die Kunst, kein Egoist zu sein“ von Richard David Precht, erschienen im Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-31218-4, 19,99 Euro im Buchhandel.„Die Kunst, kein Egoist zu sein“ behandelt das Thema aus vielen Perspektiven. Da geht es um Gut und Böse, Wollen und Tun, Moral und Gesellschaft – und das alles betrachtet aus der Zeit und Gedankenwelt Platons bis heute. Precht bewegt sich glücklicherweise nicht in einer abstrakten Gedankenwelt, sondern hat dank seinen intensiven Quellenstudiums zu Darstellungen und Schlussfolgerungen viele Beispiele parat, die eine schwierige Materie auch für Nicht-Fachleute verstehbar macht. Da hat der Leser dann häufiger das Aha-Erlebnis beim Mensch/Tier-Vergleich und der Erklärung, warum bis heute die Menschen einem Herden-/Hordentrieb folgen oder warum wir uns gern auch selbst belügen, wenn es ums Selbstbildnis geht.

Richtig spannend wird es etwa nach Buchmitte. Ab da nämlich sagt Precht, woran es unserer Gesellschaft mangelt. Er stellt fest, dass die Industriestaaten heute vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte stehen und kommt angesichts der jüngsten Wirtschaftskrisen zu dem Ergebnis, dass Wirtschaft in Zukunft nachhaltiger und verantwortungsvoller werden muss. Er fordert ein neues unternehmerisches Ethos und ruft die Politik dazu auf, die Menschen anders als bisher zu „belohnen“, um sie wieder mehr an den Staat zu binden. Denn nie zuvor sei die Entfremdung von Politik und Bürgern in der Bundesrepublik größer gewesen als derzeit. Er macht Vorschläge zur Reform der Demokratie mit dem Ziel, bürgerliche Tugenden wiederzubeleben, wieder mehr individuelle Verantwortung zu übernehmen, sozusagen einen „sozialen Patriotismus“ zu entwickeln.

Manches in seinem Buch erscheint utopisch. Aber warum eigentlich soll man nicht die Frage stellen dürfen, ob sich Deutschland angesicht seines Schuldenberges tatsächlich noch eine teure Länderstruktur mit Verwaltung und Politik leisten kann?! Aber welcher Politiker – und nur diese können in unserem System solch einschneidende Veränderungen vornehmen – sägt sich schon gern den Ast ab, auf dem er von Wahl zu Wahl sicher sitzt?

„Die Kunst, kein Egoist zu sein“ von Richard David Precht, erschienen im Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-31218-4, 19,99 Euro in der Bücherstube Lübbecke.