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»Born to Run«: Leben und Musik des Bruce Springsteen

Es gibt ja immer noch – und immer mal wieder – Fragen, auf deren Beantwortung man lange warten muss. »Born to Run«, die Autobiografie von Bruce Springsteen, liefert jetzt zumindest die Antwort auf die Frage: Warum eigentlich wagen sich in bundesdeutschen Musik-Castingshows kaum bis nie Nachwuchskünstler an Songs des Rockstars?

Nach 672 Seiten Springsteen-Lebensgeschichte liegt die Antwort glasklar vor dem Leser – und möglicherweise gleichzeitig auch Rockfan: Es ist die von Herkunft, Familiengeschichte und musikalischer Entwicklung geprägte Authentizität und Emotion, die seinen Songs den ihnen inne wohnenden unverwechselbaren Charakter geben. Und der wiederum ist eben nur sehr schwer bzw. überhaupt nicht zu kopieren. 

»Born to Run« erscheint als ziemlich ehrliche »Abrechnung« eines Menschen, der Zeit seines Lebens ein Getriebener war und geblieben ist.»Born to Run« erscheint als ziemlich ehrliche »Abrechnung« eines Menschen, der Zeit seines Lebens ein Getriebener war und geblieben ist. Getrieben von der Musik und der Suche nach neuen Wegen und größtmöglicher Perfektion. Getrieben aber auch von inneren Dämonen – Depressionen, die ihn zu verschlingen drohten. 

Gleichzeitig könnte die Autobiografie von Bruce Spingsteen, in sieben Jahren !!! entstanden und von vier !!!! Übersetzern ins Deutsche übertragen, als Beweis dienen für die uralte US-amerikanische Lebensphilosophie, dass man alles schaffen kann, wenn man es nur will, eben auch vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen. Wäre da nicht der mannigfache Hinweis des Rockstars, er habe eben viel Glück gehabt und oft zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute getroffen. Das genau dürfte dem Durchschnittsamerikaner – und auch Durchschnittwestler – heutzutage aber kaum vergönnt sein, weshalb der Tellerwäscher-Millionärstraum für die allermeisten eben auch ein Traum bleiben dürfte.

Zurück zu Ehrlichkeit und Offenheit. Die hat für Springsteen ihre Grenzen, wo die Gefühle anderer Menschen verletzt werden. Und das ist auch gut so in einer Zeit, in der nicht nur Haut, sondern auch Seele gern zu Markte getragen werden, um Verkaufszahlen zu steigern.

Aber auch das, was der »Boss« – ein Ausdruck, den wir nur einmal in dem Wälzer entdeckt haben – rauslässt, ist sehr persönlich, geht ziemlich tief. Da ist die Beschreibung seiner Kindheit, seines Familienlebens, das bis ins hohe Erwachsenenalter geprägt ist von der Unfähigkeit des Vaters, Gefühle zu zeigen und Liebe zu geben, ausgelöst durch dessen spät erkannte - und »vererbte« Depression. Und einer Mutter, der es wunderbar gelungen ist, diese Defizite vielfach auszugleichen – ohne ihren selbst gewählten Platz an der Seite ihres Mannes überhaupt je infrage zu stellen. 

Aus der Kleinstadt in die großen Stadien

Da wird Leben in einer kleinstädtischen und religiös geprägten Erziehung beschrieben, wie es vielen Lesern auch in Old Germany nicht unbekannt sein dürfte...

Da ist dieser unstillbare Wunsch, der provinziellen Enge seiner Heimatstadt Freehold in New Jersey zu entkommen, gepaart mit der Erkenntnis, dass es genau dort Wurzeln gibt, die einen immer wieder dorthin zurückziehen.

Und da ist die Musik, der Rock’n’Roll, der Beat, der ihn 1964 mit den Beatles packte und bis heute nicht mehr losließ. Wunderbar seine Beschreibung der Anfänge seines Gitarrenspiels, von höchstem Wiedererkennungswert seine Geschichte „Wie erlerne ich ein Instrument?« Großartig und rührend zugleich seine Erinnerungen an die ersten musikalischen Gehversuche, Bandgründungen, Konzerte, kleine Erfolge und große Pleiten – und die lange Durststrecke zum hin zu den ersten guten Gigs.

Mit Bruce Springsteen an seiner Seite macht sich der Leser auf ein gutes Stück Reise durch die jüngere Musikgeschichte und trifft dabei Bob Dylan ebenso wie Hank Williams, die Stones, Sting, Beatles, Roy Orbison und, und und ... allesamt Wegbegleiter und Ideengeber für Bruce Springsteen, seine Texte, seine Kompositionen. Und man begleitet den Rockstar durch Musikbusiness, das damals wie heute nicht unbedingt von Qualität, sondern eher von Verkaufszahlen bestimmt wird. 

Konzerte, Tourneen, Songwriting, Komponieren und zurück: Das ist das Leben des frühen Bruce Springsteen – geprägt von der kostspieligen Entscheidung, alle Rechte an seinen bis dahin geschriebenen Songs zurückzukaufen und Songrechte nie wieder abzutreten!

Er lässt einen Blick zu in seine Gefühlswelt, die ihn lange unfähig machte für längere Bindungen, geschweige denn zur Gründung einer Familie – Tour und Band waren eben sein Leben, seine Familie. Und Leser werden vermutlich seiner Erkenntnis zustimmen, dass mit zunehmendem Alter die bis dahin ungelösten Probleme immer belastender werden. 

Eines der schlimmsten löst Springsteen, als er 1991 Patti heiratet, Familienvater wird und mit Hilfe und Liebe seiner Frau – und von Medikamenten – den Depressions-Dämonen entkommt. Er gleitet auf den 672 Seiten gern ab ins Grüblerisch-Philosophische, ein bisschen zu oft, ein bisschen zu lang für unser Empfinden. Doch das sei dem Musiker gern verziehen für die vielen guten Hinweise und Erklärungen zur Entstehung seiner Songs. Die sind gut und wichtig und helfen, ihren Sinn richtig zu verstehen und in Geschichte und Ereignisse einzuordnen. 

Beides ist der Nährboden für seine Musik, mit der er die Menschen rund um den Globus bis heute mitreißt. Bei den Konzerten, bei denen seiner Musiker und er selbst als Frontman immer alles geben, bei denen man auch nach drei Stunden und zehn Zugaben das Gefühl hat: Das macht ihnen Spaß, die wollen es wirklich die ganze Nacht krachen lassen!

Dazu die Beschreibung eines Tourlebens, das »on the road« geprägt ist von permanenten Adrenalinkicks und der allabendlich-bangen Frage: Kriegen wir auch heute das Publikum?

»Born to Run« ist ein Buch nicht nur für Rock- oder Bruce-Springsteen-Fans. Es ist ein Buch, das Musikgeschichte beschreibt und verstehen lässt. Ein Buch nicht nur für die »68er«, sondern auch für junge Menschen, die damit verstehen lernen können, welche Wurzeln ihre Musik heute hat.

»Born to Run«, Autobiografie von Bruce Springsteen, 672 Seiten, September 2016, Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-20131-6, gebundene Ausgabe 27,99 Euro, E-Book in Kindle-Edition 19,19 Euro - natürlich auch in der Bücherstube Lübbecke zu haben.