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Berührend: "Ein ganzes halbes Jahr"

Es gibt Liebesgeschichten, bei denen nahezu jede Seite in Gefühl "schwimmt". Und man legt das Buch vielleicht schon lange vor der letzten Seite an die Seite in der Gewissheit, dass man beim Verzicht auf die nicht gelesenen Seiten keineswegs etwas verpasst, sondern vielmehr etwas gewonnen hat - nämlich Zeit.

"Ein ganzes halbes Jahr" von Jojo Moyes ist ein schlagendes Beispiel für eine außergewöhnlich gute LiebesgeschichteAber es gibt auch Liebesgeschichten, die sind so spannend geschrieben wie ein guter, vielleicht sogar wie ein sehr guter Krimi. Und man ist irgendwie traurig, dass man nach immerhin 520 Seiten schon am Buchende angekommen ist. Genau dafür ist "Ein ganzes halbes Jahr" von Jojo Moyes ein schlagendes Beispiel. Denn ihr Buch liegt in der Paperback-Belletristik-Rangfolge des "Spiegel" seit langem auf Platz Eins. Und wer glaubt, dass diese Liebesgeschichte der 1969 geborenen Britin so eine Art typisches Frauenbuch ist, der wird auf diesen 520 Seiten eines Besseren belehrt.

Sie erzählt die Geschichte von Louisa Clark und Will Traynor, von zwei Menschen, die in Verhältnissen leben, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Louisa, im Buch Lou, lebt als erwachsene Tochter noch in einer winzigen Kammer im Hause ihrer Eltern, die sie mit ihrem geringen Salär als Servicekraft in einem kleinen Café in einem kleinen englischen Kaff unterstützt. Er ist erfolgreicher Jungunternehmer, immer auf der Überholspur, mit allem ausgestattet, was ein großartiges Leben verspricht. Und dann schlägt das Schicksal erbarmungslos zu. Sie verliert von jetzt auf gleich ihren schlecht bezahlten Job, den sie gleichwohl liebt. Und er verliert in einer Sekunde seine gesamte Zukunft bei einem unverschuldeten Unfall, der ihn vom Hals abwärts nahezu leb- und empfindungslos macht - er ist von diesem Moment an Tetraplegiker. Seine Familie sucht eine Pflegekraft für ihn; Lou meldet sich und wird, trotz völliger Ahnungslosigkeit in Sachen Pflege, zur eigenen Überraschung genommen und dafür sogar noch gut bezahlt.

Mit ihrer natürlichen Art, gepaart mit Humor, einer guten Portion Frechheit und einer ganz speziellen Vorstellung von Mode macht sie Will auf sich aufmerksam und durchdringt langsam, aber sicher den Wall aus Ironie und Sarkasmus, den der junge Mann um sich herum aufgebaut hat. Als sie erfährt, dass sie ihn sozusagen in seinen letzten Monaten begleiten soll, weil er sich bereits auf die Dignitas-Liste für freiwilligen Tod in der Schweiz hat setzen lassen, unternimmt sie höchste Anstrengungen, um ihm neuen Lebensmut zu geben und ihn davon zu überzeugen, dass es auch für ihn ein hoffnungsvolles Morgen gibt. Dass sie sich dabei in ihn verliebt und dafür ihren eigenen, sportverliebten Freund verlässt, macht die Situation noch schwieriger.

Genau aus dem Dilemma, einem völlig verzweifelten Menschen mit Kreativität und Überzeugungskraft neuen Lebensmut vermitteln zu wollen, zieht dieser Roman seine Faszination. Dabei gelingt es Jojo Moyes, ein ebenso kompliziertes wie umstrittenes Thema so perfekt in die Story einzuarbeiten, dass auch die Protagonisten beider Seiten unter den Lesern sich mehr auf das Geschehen als auf ihre jeweiligen Standpunkte konzentrieren dürften.

Es waren, sagt Lou am Ende zu Will, "die besten sechs Monate meines Lebens". "Ein ganzes halbes Jahr" war - und ist - eine ganz besondere Liebesgeschichte. Gut, dass sie geschrieben wurde, gut, dass wir sie lesen durften.

"Ein ganzes halbes Jahr", Roman von Jojo Moyes, Rowohlt Polaris, ISBN 9783499267031, Taschenbuch, im Buchhandel für 14,99 Euro, natürlich auch in der Bücherstube Lübbecke, als E-Book für 12,99 bei Libri.de.