• Lübbecke
  • Espelkamp
  • Rahden
  • Pr. Oldendorf
  • Hüllhorst
  • Stemwede

»Altes Land«: Kreisloop oder Vegetarier?

Terror, Angst, Flucht und Vertreibung - wohl kein Thema hat das Jahr 2015 so geprägt wie dieses. Dem hat sich die Gesellschaft für Deutsche Sprache angeschlossen, indem sieden Begriff »Flüchtlinge« zum Wort des Jahres 2015 gekürt hat.

So leicht es sich vielleicht spricht, so schwer wiegt es in der Wirklichkeit. Sich dennoch - oder gerade deshalb - damit auseinanderzusetzen ist Aufgabe von Literatur und Journalismus. Keine leichte allerdings, wie der Leser konstatieren dürfte,der »Altes Land« zur Hand nimmt. Es ist der Erstlingsroman von Dörte Hansen,die als Autorin und Redakteurin beide Sparten sozusagen in sich vereint.

»Altes Land«, Roman von Dörte Hansen, 287 Seiten, Albrecht Knaus Verlag, München

Herausgekommen sind 287 Seiten, auf denen Dörte Hansen die Auswirkungen von Flucht und Vertreibung von betroffenen Familien bis ins Hier und Heute skizziert. Und gerade, weil sie das distanziert als Erzählerin tut, selbst schlimmste Erlebnisse quasi »nebenbei« schildert, erreicht sie genau das Gegenteil, nämlich Emotion.

Wie könnte man sich denen auch entziehen. Wenn man sozusagen miterlebt, wie eine ostpreußische Gutsbesitzersfrau nach der Flucht mit einer kleinen Tochter auf einem Bauernhof im Alten Land in Norddeutschland steht und als »Polacken« begrüßt wird - nach einer Flucht im Zweiten Weltkrieg, auf der ihr ein Kleinkind erfroren war, das sie am Straßenrand zurücklassen musste?!

Wenn die Autorin in wie hingeworfenen Sätzen schildert, dass der Zweite Weltkrieg aus einem hoffnungsvollen jungen Mann einen Krüppel an Leib und Seele gemacht hat?! Wenn man liest, wie aus furchtbarem Erleben Härte wird, die zu Selbstmord führt und in letzter Verzweiflung in Sterbehilfe mündet?! Wenn man erlebt, wie ein Familienleben durch eine neue/andere Beziehung fast mit der Selbstverständlichkeit von Naturgesetzen zerbricht?! Wenn man Zeuge wird einer Reise in die Vergangenheit zum Gut der Eltern bzw. Großeltern, wo alles zugewuchert und verfallen ist. 

Aber man muss auch lachen, wenn Dörte Hansen von der Begeisterung eines mit seiner Frau aufs Land gezogenen Kollegen fürs Landleben erzählt - und wie schnell eine solche Begeisterung ins Gegenteil umschlagen kann. 

Eines aber braucht man in jedem Fall bei diesem Buch: ein gutes Gedächtnis, um die plötzlich auftauchenden Personen auch nach vielen Seiten noch richtig zuordnen zu können. Dörte Hansen setzt sie wie Teile eines Puzzles ein - und wie man die manchmal hin- und herschieben muss, um sie an der richtigen Stelle zu platzieren, muss man manchmal hin- und herblättern, um in der Geschichte zu bleiben. Mit »Altes Land« ist ihr aber ein Buch gelungen, das man nach einiger Zeit auch ein zweites Mal - und dann mit viel Aufmerksamkeit fürs Detail - sehr gut lesen kann 

»Altes Land«, Roman von Dörte Hansen, 287 Seiten, Albrecht Knaus Verlag, München,  ISBN 978-3-8135-0647-1, gebundene Ausgabe 19,99 Euro, E-Book Kindl-Edition 15,99 Euro, Audio-CD 16,99 Euro - natürlich auch in der Bücherstube Lübbecke zu bekommen.