Es waren Tänze in der Nacht einer Familienfeierlichkeit – am nächsten Tag kam die Familie des Tänzers und bat um die Hand der Tänzerin.
Die Tänzerin war die Mutter der Autorin, Nezhat Nafisi, die ihren Saifi schließlich heiratete, aber nicht lange mit ihm leben konnte, da dieser früh an einer Krankheit starb. Die Mutter trauert ewig ihrer Liebe Saifi nach und verherrlicht das nicht gelebte Zusammensein mit ihm.
Das ist die Grundtendenz von Azar Nafisis Mutter, einer eindrucksvollen, wunderschönen aber hochkomplizierten Frau, die in zweiter Ehe mit dem Vater Ahmad Nafisi verheiratet ist. Das in der Familie gerne und viele Geschichten erzählt werden, erwähnt Azar Nafisi gleich zu Anfang.
Diese Geschichten hat vor allem die Mutter immer parat, nämlich »Ihre Geschichte«. Der Vater, zeitweilig Bürgermeister von Theran und lange Zeit zu Unrecht in Haft, bringt seinen beiden Kindern die Literatur sehr nahe und erklärt mit der Zeit seine Tochter zu seiner Verbündeten gegen die Mutter.
Die Familie lebt sehr westlich orientiert, so dass die Kinder ihre Schul- und Studienausbildungen im westlichen Ausland verbringen können. Azar geht nach England und später zum Studium in die USA und doch geht sie eine erste überstürzte Ehe mit einem Landsmann ein, den sie nicht liebt und der sie einschränkt.
Nach der Scheidung, nach der islamischen Revolution und nach der Rückkehr in den Iran beginnt sie eine Lehrtätigkeit an der Universität in Teheran. Eine zweite Heirat mit ihrem Mann Bijan Naderi, einem Ingenieur, und zwei Kindern bewegt die Familie nun endgültig, in die USA auszuwandern.
Azar Nafisi schildert ihre nicht unproblematische Kindheit in einem ebenso nicht unproblematischen Land, wo Autoritäten der Inbegriff des Regimes war. 1981 erhielt sie Lehrverbot, da sie sich weigerte, den Schleier zu tragen. Aber gleichzeitig wird uns auch das alte Persien unter dem Schah nahegebracht, wie auch die Geschichte dieser zerrissenen unglücklichen Familie. (dbk)
»Die schönen Lügen meiner Mutter«, Azar Nafisi, ISBN 978-3-421-04428-0, DVA, 22,95 Euro.
HALLO LÜBBECKE Lesetipp: Sterben dürfen
"Sterben dürfen", Wolfgang Putz / Elke Gloor, ISBN 978-3-455-50201-5, Hoffmann und Campe Verlag, 18,00 Euro.
Sterben dürfen Bundesgerichtshof Juni 2010 - Die Entscheidung - Nachrichtensendungen berichteten. Freispruch!
Wolfgang Putz ist Anwalt und hat sich auf die Vertretung von Sterbenden, er ist also ein Sterberechtsanwalt, spezialisiert. Er schildert, auch für Laien verständlich, die juristischen Findigkeiten der Lage und rät den Kindern seiner Mandantin letztendlich, die unsägliche Magensonde oberhalb der Bauchdecke zu durchtrennen. Die Sonde versinkt im Oberbauch und was vermutet wurde, geschieht: Polizei, Krankenwagen, Justiz etc. befassen sich mit diesem Fall- und Verurteilung des Anwalts Putz.
Elke Gloor ist die Tochter der Erika Küllmer. Die Patientin hatte zu Lebzeiten erklärt, keine lebensverlängernden Maßnahmen haben zu wollen. Die Tochter schildert aus ihrer persönlichen, emotionalen Sicht den fünfjährigen Kampf, ihrer Mutter das Sterben zu ermöglichen, obwohl klar war, dass der Zustand aus medizinischer Sicht niemals wieder behebbar werden könne. Es wird der Koma-Patientin im Pflegeheim noch eine Fraktur zugefügt, die sogar zu einer Armamputation führt. Druckmittel gegenüber den Kindern werden wahrgenommen, die mit Hausverboten, Verlegungen und Einweisungen der Patientin münden. Über die ganzen Jahre haben die Kinder immer wieder die Kämpfe gegen das Heim, die Juristen und den behandelnden Arzt verloren, obwohl es sich zwischenzeitlich teilweise anders abzeichnete. Der Sohn der Patientin Küllmer, der Bruder von Elke Gloor, hat diesen Kampf für den Tod seiner Mutter jedenfalls verloren, da er sich vor einiger Zeit das Leben genommen hat.
Eine unglaubliche und bedrückende jahrelange Geschichte um den Kampf "für" den Tod und die teilweise unwürdigen Handhabungen von Institutionen. (dbk)
HALLO LÜBBECKE Lesetipp: Frau Präsidentin - Eine isländische Biographie
Wer war schon einmal in Island? Oder hat sich näher mit diesem nahen und doch so fernen Land beschäftigt? Als Spieler in der Handball-Bundesliga sind die Isländer äußerst gefragt und bekannt. Auch Vulkanausbrüche mit entsprechenden Flugverboten erreichen uns gelegentlich. Jedoch, wem ist die Staatsführung bekannt?
1980 wurde Vigdis Finnbogadóttir demokratisch zur Staatspräsidentin von Island gewählt und war damit das erste weibliche Staatsoberhaupt auf der gesamten Welt und blieb als solches 16 Jahre in dieser Führungsposition.
"Frau Präsident - eine isländische Biographie", Páll Valsson, ISBN 978-3-936937-82-4, Orlanda Verlag, 19,90 Euro.
Finnbogadóttir war eigentlich für dieses Amt nicht prädestiniert, arbeitete sie doch für das Theater, war geschieden und alleinerziehende Mutter einer Adoptivtochter, die sie erst nach ihrer Scheidung als ihr Kind aufnahm. Diese Adoption hat sie mit Vehemenz durchfechten müssen, da auch in Island die Üblichkeiten einer Adopiton als Alleinstehende nicht als Mutter vorsahen. Mit ihrem 42. Lebensjahr war es dann soweit. Vigdis Finnbógadottir war die erste isländlische alleinerziehende Frau, die die Erlaubnis zur Adoption bekam. Schon während ihrer Theaterzeit sorgte sie dafür, dass mehr heimische Autoren zur Aufführung kamen. Sie äußerte sich dazu:
"Theater tut … nichts anderes, als das menschliche Zusammenleben unter die Lupe zu nehmen. Deshalb war es auch so eine ausgezeichnete Vorbereitung für das Präsidentenamt...!"
So wurde ihre Wahl und die Präsidentenzeit für die Reputation Islands in der gesamten Welt von ihr hinreichend genutzt. Präsidenten, Staatsoberhäupter und gekrönte Häupter wurden von ihr besucht und empfangen und Vigdis Auftreten und Repäsentieren ihres Landes überzeugten auch die Kritiker, die an ihrer Fähigkeit als Präsidentin zweifelten.1986 rückte Island und seine Präsidentin ins öffentliche Weltvisier - Reagan und Gorbatschow, der Welt mächtigste Männer, erwählten Reykjavík für ein Gipfeltreffen.
Drei Amtszeiten vertrat Vigdis Finnbógadottir international Island und auch heute noch, mit über 80 Jahren, stehen weltweite Reisen als UNESCO-Botschafterin an, oder die Frankfurter Buchmesse 2011, wo sie Schirmherrin und Ehrengast war. So trägt sie weiterhin den Wandel und die Kultur Islands in die Welt. Eine schöne Landes-, Kultur- und Personengeschichte aus dem Land der ursprünglichen Fischer und Bauern, die ich vorher so nicht präsent hatte. (dbk)
HALLO LÜBBECKE Lesetipp: Heribert Schwan: Die Frau an seiner Seite
Viel wurde über Hannelore Kohl spekuliert. Von Betonfrisur wurde gespottet, von Steifigkeit und Unnahbarkeit. Jedoch war Hannelore Kohl ein ganz normale Frau - Mutter und Ehefrau - aus diesen Jahrgängen und natürlich die Kanzlergattin, die durch den Beruf ihres Mannes natürlich im öffentlichen Fokus stand.
"Die Frau an seiner Seite" von Heribert Schwan ist erschienen im Heyne-Verlag, ISBN/EAN 9783453181755, 19,99 Euro
Aber sie war ebenso eine engagierte Frau, die Ihre Stellung für Wohltätigkeit und ihre Stiftung nutzte. Selbstverständlich war sie vor allem Mutter, die die Erziehung und Betreuung ihrer Kinder alleine zu bewältigen hatte. Und da waren noch ihre eigene Mutter, die mit im Hause lebte, die Schwiegereltern, vor allem die distanzierte und dominante Schwiegermutter, in unmittelbarer Nähe.
Hannelore Kohl hatte mit Sixcherheit kein einfaches Leben, wie dem Buch von Heribert Schwan zu entnehmen ist. Flucht, Neuanfang nach persönlichen schwerwiegenden Schicksalsschlägen, Schutz der Familie in den gefährlichen Zeiten der Bundesrepublik durch Entführungsbedrohung für die gesamte Familie und natürlich Krankheit.
Heribert Schwan hat in seinem Buch flüssig das Leben der Kanzlergattin dargestellt, jedoch sind einige Ausführungen nicht so ganz nachzuvollziehen, da sie zu vage sind. Das betrifft besonders die Lichtallergiererkrankung und deren Folgen mit seinen Erklärungen hierzu. Mutmaßungen, die trotz einiger Erklärungen von Fachleuten hier nichts zu suchen haben. Auch die Spekulationen über einen früheren Suizidversuch erscheinen unangebracht.
Schwan hat in der Entourage von Kanzler Kohl sicherlich einigen Einblick gewinnen können, allerdings hat er dieses natürlich vorhandene Insiderwissen fast boulevardmäßig ausgeschlachtet. (dbk)
HALLO LÜBBECKE Lesetipp: Walter Kohl: Leben oder gelebt werden - Schritte auf dem Weg zur Versöhnung
Interviews, Talkshows, eine neue Biographie und ein Bildband mit unbekannten Aufnahmen sind in den letzten Wochen auf den Markt gekommen - demnächst ist ein Film über das Leben der Hannelore Kohl geplant. Das Leben der Familie Kohl ist omnipräsent und scheint auch nach vielen Jahren noch für reichlich Aktivitäten zu sorgen.
Bei Walter Kohls Buchpräsentation "Leben oder gelebt werden" wurde gemutmaßt, dass hiermit eine "Abrechnung" mit dem Vater veröffentlicht werde. Walter Kohl beschreibt allerdings sehr einfühlsam die Lebensumstände, unter denen er und sein Bruder aufwuchsen.
Woher kommt das Sprichwort: "Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau"? In vielen Familien der Nachkriegs- und Aufbaugeneration war es üblich, dass die Frau sich um die Familie kümmerte und dem Mann den Rücken frei hielt. Das betraf nicht nur Politiker, sondern auch Manager- und Handwerkerfamilien. Jedoch kam bei den Kohl-Kindern sicherlich die besonders herausragende Situation der Öffentlichkeitswirksamkeit als Kanzler-Kinder hinzu - und die damit verbundenen Sicherheitsauflagen zum Schutz des Umkreises der Familie im Zuge der RAF-Bedrohung. Und das ist mit Sicherheit für eine Sohngeneration wie Walter Kohl in der Kinder-, Schul- und Jugendzeit kaum begreifbar und erklärlich gewesen. Wie bei vielen Familien der Aufbaugeneration war der Vater mehr abwesend als zuhause - er war für die Kinder einfach nicht greifbar und damit auch psychisch abwesend. Aber die Mutter war stets für die Belange der Kinder da und ansprechbar, auch unter persönlichen Einschränkungen und Aufwand.
Walter und Peter Kohl haben sich durch ihre persönlichen Lebensplanungen und Ausbildungen abgenabelt, dafür gekämpft, ihr eigenes autarkes Leben aufzubauen. Walter Kohl beschreibt auch ausführlich seine persönlichen Tiefen, die es in der Tat gewiß in sich hatten. Aber sicherlich auch dadurch ist er enorm gereift und kann deshalb den Untertitel seines Buches mit der Betonung auf "Versöhnung" aus tiefer Empfindung niederschreiben. (dbk)
"Leben oder gelebt werden - Schritte auf dem Weg zur Versöhnung", Walter Kohl, ISBN 978-3-7787-9204-9, Integral Verlag, 18,99 Euro
HALLO LÜBBECKE Lesetipp: Jussi Adler-Olsen: "Erlösung" Mit Spannung, Raffinesse und Geschwindigkeit
588 Seiten können auch zu kurz sein. Manchmal kann man einen Krimi verschlingen und gleichzeitig hoffen und beten, er möge nicht so schnell zu Ende gelesen sein. Auch wenn die Spannung und Dramatik zum Ende immer schneller dem Ende und Höhepunkt zu treibt. So geschehen beim neuen Roman von Jussi Adler-Olsen "Erlösung", soeben erschienen im Juli 2011. Der Krimi ist somit genau die richtige Lektüre für die anstehenden Ferientage - oder -wochen.
Nach den beiden ersten Krimis"Schändung" (2008) und "Erbarmen" (2008) ist "Erlösung" der dritte Fall für das Sonderdezernat Q der Kopenhagener Polizei mit dem Ermittler Carl Morck. Dieser hat das Zeug zu einem Dauerbrenner, wenn Jussi Adler-Olsen ihn weiter so behutsam und menschlich, feinsinnig und doch auch wieder grobschlächtig den Lesern präsentiert.
Nachdem die beiden ersten Krimis in Deutschland einschlugen wie eine Bombe, hat sich der Verlag beeilt, auch den dritten Teil ins Deutsche übersetzt zu bekommen und den Lesern zu präsentieren. Es kann davon ausgegangen werden, dass auch der dritte Teil mit Macht in die Bestsellerlisten stürmen wird, so wie die beiden ersten Romane schnell eine Fangemeinde gefunden haben, die täglich größer werden dürfte.
Carl Morck, der in die Kellerräume des Polizeipräsidiums in Kopenhagen abgeschoben wird, um mit zwei skurrilen Helfern ungelöste Mordfälle zu überprüfen, ist für die Obrigkeit ein unbequemer Ermittler, für seine beiden Assistenten ein unbequemer Chef und für seine Mitmenschen eine skurrile, aber gleichzeitig auch derb liebenswerte und mitkriminalistischem Spürsinn versehene Erscheinung. Die eine Helferin ist Lisa, eine nicht nur im Aussehen schrille Person, der andere Helfer ist Assad, ein Syrer unklarer Herkunft, eingestellt als Putzmann, Kopierhelfer und Aktenschlepper. Beide entwickeln sich durch ihre unterschiedlichen Charaktere zu zwei Personen mit Eigenleben und werden zu den besten Assistenten des Sonderermittlers, der bauchfühlig und präzise mit einem sicheren Gespür und Instinkt seine Fälle löst. Carl Morck, der zudem mit behördlichen Widrigkeiten ebenso zu kämpfen hat wie mit den Dämonen der eigenen Vergangenheit, muss dazu mit seinem ungeordneten Privatleben fertig werden.
Sein neuer Fall ist ebenso brisant wie emotionsgeladen und glänzend aufgebaut: Aus Sekten, die abgeschieden liegen, werden Kinder reicher Eltern entführt, Lösegeld erpresst und nichts davon dringend über Jahre nach außen. Bis eine alte Flaschenpost mit einem unleserlich geworden Brief den Sonderermittler Carl Morck ziemlich zufällig erreicht. Nach Anlaufschwierigkeiten vertieft sich dieser in den alten Fall und gelangt auf die Fährte eines Mörders, der immer noch aktiv ist, gerissen und fast nicht greifbar seiner Profession nachgeht. Carl Morck, ein Kommissar der spontan Sympathie erweckt, ist er doch ein Querkopf, der sich gegen die Vorgesetzten, seine geldgierige, von ihm getrennt lebende Ehefrau und einen flegelhaften pubertierenden Sohn behaupten muss. Zudem hat er den gelähmten Kollegen Hardy bei sich aufgenommen, der aufgrund seines Fehlers bei einem Einsatz so verletzt wurde, dass er bettlägerig gelähmt gepflegt werden muss. Carl Morck ist es, der ihn vor dem Dahinvegetieren in einem Heim bewahrt und so auch seinem schlechten Gewissen ein wenig Linderung schaffen kann. Über dem traumatischen Ereignis liegt aber immer noch ein rätselhafter Schatten, den der Autor in einem der nächsten Fälle ein wenig Aufhellung wird zuteil werden lassen.
Die Verfolgung des raffinierten Mörders gestaltet sich schwierig, zumal es im Laufe der Ermittlungen klar wird, dass der Mörder wieder zwei Kinder in seine Gewalt gebracht hat und nicht absehbar ist, ob die Ermittlungen schnell genug zu einem Ende gebracht werden. Die Identität der Bestie in Menschengestalt ist wegen dessen Raffinesse im Verschleiern, Verkleiden und Verschwinden kaum auszumachen.
Jussi Adler-Olsen hat in seinem dritten Krimi die beiden ersten an Spannung, Raffinesse und Geschwindigkeit nochmals überboten, auch den humorigen Anteil an den Disputen zwischen Carl Morck und Rose, seine erste Ermittlerin, und Assad, seinem zweiten Ermittler nochmals erhöht, so dass dem Leser nur eines bleibt: Hoffen, dass bald der vierte Band der Serie erscheint, diese verdient den ihr zuteil werdenden Kultstatus bereits heute.
Jussi Adler-Olsen "Erlösung" wurde rezensiert von Rüdiger Schulz, Lübbecke. Der Kriminalroman ist erschienen im DTV Verlag unter der DTV Premium 24852 Kopenhagen 2009 und Deutschland Juli 2011, ISBN 978-3-423-24852-5, Preis: 14,90 Euro
HALLO LÜBBECKE Lesetipp: Augenblick der Ewigkeit
1908 geboren, gestorben vor 22 Jahren, Klavierwunderkind bereits in sehr jungen Jahren, herausragender Dirigent, passionierter Hobbypilot und umworbener Frauenschwarm - Herbert von Karajan? Nein, es ist Karel Bohumil, der sich später Karl Amadeus Herzog nennen wird, der Protagonist dieses Romans von Bernhard Sinkel.
Herzog, das Wunderkind, der Stardirigent, der sich um der Karriere Willen mit den Nazis einlässt und Erfolge einheimst. Später, von der Technik fasziniert, ist er besessen davon, per Satellit die größten und berühmtesten Orchester der Welt simultan zu dirigieren.
Der Dirigent wächst als Sohn eines Geigenbauers und Wandermusikers auf. Nach dem tragischen frühen Tod seines Vaters wird Herzog von einem jüdischen Hofrat in Österreich gefördert, der ihm seine Ausbildung ermöglicht. Von Ehrgeiz und Erfolgswillen getrieben, wird die große Liebe zwischen ihm und der Tochter seines Mentors, dem Emporstrebenden kein erfülltes Ende bringen. Andere Ehefrauen betreten die Romanbühne, schwierige und auch liebevolle Beziehungen zu seinen Kindern bestimmen das Leben und auch sonstige romantypische Klischees werden verarbeitet.
Dieser Dirigentenroman ist ganz nett zu lesen, und man hört quasi die musikalischen Untermalungen - wir können uns dieses Werk allerdings eher als Drehbuch oder Vorlage für eine filmische Inszenierung vorstellen, aber ist es ein Wunder? Der Autor ist ein “Filmemacher”! (dbk)
"Augenblick der Ewigkeit" von Bernhard Sinkel ist erschienen im Knaus Verlag, ISBN 978-3-8135-0371-5, und kostet 22,99 Euro.
HALLO LÜBBECKE Lesetipp: Madeleine Schickedanz
Madeleine Schickedanz war schon immer eine Person, die sich äußerst gerne im Hintergrund aufhielt. Als Erbin des Versandhauses Quelle und spätere Großaktionärin des Arcandor-Konzerns, der bekanntlich zwischenzeitlich zerschlagen ist, zieht sich Frau Schickedanz noch viel weiter aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit zurück.
Alle Welt, aber vor allem die Mitarbeiterschaft, erwarteten seit langem Antworten oder wenigstens eine persönliche Stellungnahme seitens Madeleine Schickedanz - aber sie blieb (fast) jegliche Antwort schuldig! Sie entfloh Deutschland, um ihre Ruhe unter anderem auf ihrem Landsitz in Chile wieder zu finden.
Anja Kummerow ist Wirtschaftsredakteuerin der "Nürnberger Zeitung" und hat allein durch die örtliche Nähe reichlich Einsicht in die vorhandenen Quellen. Sie beschreibt Madeleins Kindheit in der Familie und dem großen Haus, wo alles vorhanden ist - nur die Eltern sind ausschließlich mit ihrem Unternehmen beschäftigt. Drei Ehe schließen sich bei Madeleine Schickedanz an, wobei alle Ehemänner im Unternehmen tätig sind. Auch die Gesamtunternehmerfamilie beginnt sich bereits ab den 1980er Jahren zu entzweien, da die Geschäfte sich anders entwickelten als bisher gewohnt.
Anja Kummerow hat sicherlich keine persönlichen Gespräche mit Frau Schickedanz führen können, was nicht heißt, dass trotzdem eine interessante und spannende Biographie entstehen könnte. Für uns ist dieses nicht gelungen, da uns dieses Werk zu boulevardmäßig erscheint - wir hätten mehr von den Hintergünden der ökonomischen Zwänge und Hintregründe der gefällten Entscheidungen im Konzern erwartet. (dbk)
HALLO LÜBBECKE Lesetipp: Gustav Schickedanz: Die Quelle-Story
Aus einfachen Verhältnissen kommend, als Werkmeistersohn 1895 in Fürth geboren, hat Gustav Schickedanz trotz Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus und Wirtschaftswunder der BRD "Seine Quelle" aufbauen können. Der 1926 gegründete Versandhandel hatte sofort großen Erfolg, denn mit dem Angebot einer "Herrenkomplettausstattung", bestehend aus Hose, Wollpullunder, Hemd, Gürtel und Strümpfen für 9,95 Mark, sprach man selbst Arbeitslose an.
Schickedanz legte wert darauf ein Familienunternehmen zu sein und so waren seine erste und zweite Frau, seine Schwester und Schwager und auch der Vater mit in den Unternehmen tätig - und später dann auch die Ehemänner seiner beiden Töchter. Er selbst überlebte einen schweren Autounfall bei dem seine erste Frau, sein Vater und sein Sohn starben.
Mit Umsicht, Sparsamkeit und Verstand führte der seine Unternehmen weiter und kümmerte sich darum die dringend benötigten neuen Mitarbeiter zu requirieren: man fuhr die Mitarbeiter zur Arbeitsstelle, es wurden Wohnungen für diese gebaut und auch weitere soziale Errungenschaften fanden den Weg ins Unternehmen. Langsam entwickelte sich die Verbindung zu "seinem Lehrmädchen" Grete, einer Bäckerstochter, die schließlich, kräftig mitarbeitend, seine zweite Ehefrau wurde. Auch neue Wege in den Familienbetrieben fanden Einzug: Qualitätsprüfungen, elektronische Datenverarbeitung etc.
Während der Entstehung dieses Buches ging die QUELLE dann in die Insolvenz.
Prof. Schöllgen, Leiter des Zentrum für angewandte Geschichte an der Universität Erlangen, welches ebenso das Haus- und Familienarchiv von Schickdanz verwaltet, hat eine seichte und leicht zu lesende Biographie, besser gesagt eine Chronik, vorgestellt. Durch die Zugriffsmöglichkeit Schöllgens auf das Archiv hätte ich mir in der Tat sehr wohl ein wenig mehr und intensivere Recherche gewünscht und erwartet - wo er doch an der "Quelle" sitzt! (dbk)
HALLO LÜBBECKE Lesetipp: Arcandors Absturz
Als Arcandor noch Karstadt-Quelle hieß, waren über 100.000 Mitarbeiter beschäftigt. Doch zwischenzeitlich sind ein großer Teil der Konzerntöchter verkauft oder liquidiert worden – der Konzern ist insolvent und zerschlagen! Der Historiker und Wirtschaftsjournalist Hagen Seidel hat mit seinem Buch "Arcandors Absturz" ein sehr überzeugendes Werk über die Historie dieses Weltkonzerns abgeliefert.
Lesenswert, sogar spannend wird der Werdegang des Konzerns und seiner jeweiligen Lenker dargestellt und mit vielen Fakten und fundiertem Wissen dargestellt. Seidel beleuchtet die jeweiligen hauptverantwortlichen Entscheidungsträger von Walter Deuss bis hin zu Insolvenzverwalter Klaus-Hubert Görg. Einen großen Teil nimmt selbstverständlich die Ära Middelhoff ein – wobei sich herausstellt, dass der schillernde frühere Bertelsmann-Manager nicht die Alleinschuld am Untergang des Arcandor-Konzerns trägt. Beim Antritt von Thomas Middelhoff, auf Wunsch von Frau Schickedanz, habe dieser KEIN florierendes Unternehmen übernommen, denn es erweist sich, dass durch viele Altlasten in Form von Managementfehlern, das Unternehmen zu dieser Zeit bereits so gut wie nicht mehr lebensfähig war.
Seidel zeigt die schon früher begangenen Fehler auf, die all diejenigen machten, die Einfluss nehmen wollten. Bei Seidels Recherchen ergaben sich Fakten, die einige ehemalige Entscheidungsträger zum Teil verdrehten,wegließen oder auch leugneten – doch die waren doch die Lenker und hätten den jahrelangen Untergang doch verhindern sollen! Ein tolles Buch, welches uns viel Hintergrundinformationen gebracht hat!
HALLO LÜBBECKE Lesetipp: S. Fischer: Der Verleger
Samuel Fischer sah sich nie gerne im Rampenlicht, weshalb man ihn häufig auf Fotos auch nur auf Bildrändern sieht. Fischer unterschrieb auch nur aneinandergereiht mit "S. Fischer", außer an seine Frau, aber mit ihm sind bedeutende Namen wie Hauptmann, Ibsen, Schnitzler, Mann, Hesse, Zola, Tolstoi, Dostojewski und andere verbunden.
Der Verleger suchte ständig die persönliche Verbindung zu den Autoren, wenn machbar auf Lebenszeit. Mit der Buchreihe "Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane" schuf er eine Möglichkeit der anspruchsvollen Literatur auch für den kleineren Geldbeutel - monatlich ein Band für eine Mark. Die Autorin Barbara Hoffmeister versucht eine "Lebensbeschreibung" Fischers aufzuzeigen, was sich sicherlich als schwierig dargestellt hat, da sehr wenig über seine Jungend und auch Persönliches als Material vorhanden ist.
Allerdings erscheint uns dieses Buch weder eine Lebensbeschreibung noch eine Biografie zu sein, da es sehr weitläufig und mit unsäglich vielen Zitaten arbeitet. Wir hätten ein wenig mehr Tiefe erwartet. (dbk)
"S. Fischer, der Verleger", Barbara Hoffmeister, ISBN 978-3-10-032003-2, S. Fischer Verlag, 22,95 Euro.
HALLO LÜBBECKE Lesetipp: William Stern - Der Erfinder des IQ
Vielen ist William Stern als der Erfinder des Intelligenzquotienten, im Neudeutsch kurz "IQ" genannt, sicherlich nicht als dieser bekannt. Eher wohl schon, dass auf seine Initiative hin 1919 die Stadt Hamburg eine Universität erhielt.
"William Stern", Martin Tschechne, ISBN 3-8319-0404-9, Ellert& Richter Verlag, 14,90 Euro.
Aber vom überaus erfolgreichen Wirken, Forschen und Lehren Sterns zeugt in der Hansestadt heute nicht mehr viel, denn seine ehemaligen Wirkungsstätten existieren nicht mehr. Allerdings gibt es dort auch heute noch die "William Stern Gesellschaft für Begabtenforschung und Begabtenförderung e.V.". William Stern und seine Frau Clara dokumentierten in der eigenen, kleinen und langsam wachsenden Familie die Entwicklung und Fortschritte der eigenen Kinder - drei sollten es insgesamt werden: Hilde, Eva und Günther.
Akribisch genau, jedes Datail erfassend und schriftlich festgehalten, so dass sich nach 18 Jahren insgesamt sage und schreibe 4.963 Seiten ergaben. Damit schuf Stern eine Grundlage für Bahn brechende wissenschaftliche Erkenntnisse, die die Grundlagen für die Formel zum "IQ" wurden, die auch bei der restlichen Welt für Anerkennung sorgte.
Stern wird 1891 in Berlin geboren und erarbeitet sich nach Stationen in Breslau und Hamburg als Psychologe mit überaus großen Einsatz und Fleiß eine Weltstellung. Dieses ist leider heute, nach seinem Tod im Jahre 1938 im amerikanischen Exil, weitgehend in Vergessenheit geraten.
Martin Tschechne hat eine überaus gute Biographie vorgelegt, die flott zu lesen ist, auch wenn man sich eigentlich für Psycholgie und alte Thesen bisher nicht sonderlich interessiert hat. Es sollte auch erwähnt sein, dass dieses Buch unter der Rubrik "Hamburger Köpfe" durch die "ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius" ermöglicht wurde. (dbk)
HALLO LÜBBECKE Lesetipp: "Zuflucht DDR - Spione und andere Übersiedler"
"Zuflucht DDR - Spione und andere Übersiedler" von Bernd Stöver, ISBN 978-3-406-59100-6, Verlag C. H. Beck, 24,90 Euro.
Bisher war kaum etwas bekannt von der Migration nach Ostdeutschland - mehr als eine halbe Million sollen es gewesen sein!
Verschiedenste Motive für eine Übersiedlung vom Westen in die DDR gab es in der Zeit zwischen 1949 und dem Mauerbau 1961. Sie reichten von Kriminellen, die sich durch Flucht der Strafverfolgung entziehen wollten, ungenügende wirtschaftliche Möglichkeiten und keine entsprechende Arbeitsmöglichkeiten im Westen, einfach einen Schuldenberg hinter sich zu lassen und auch eine versprochene und beworbene soziale Sicherheit in der DDR. Es sind bekannte, wie auch unbekannte Menschen und Persönlichkeiten, deren Wege in die DDR Bernd Stöver beschreibt. Man liest unter anderem Namen wie Adam von Gliga (Offizier der Bundeswehr), Arnold Schölzel, Otto John (Chef des Bundesverfassungsschutzes), Günter Guillaume (der Spion in der BRD unter der Brand-Regierung), so auch die RAF-Terroristen, vor allem Inge Viett und Susanne Albrecht, die sich durch die Aufnahme in der DDR einen sicheren Zufluchts- und Rückzugsort schaffen konnten, der allerdings mit dem Mauerfall in sich zusammenfiel. Stöver, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam, hat mit diesem Buch eine solide Recherche von zum Teil neu aufzuarbeitendem Archiv- und Behördenmaterial vorgelegt, die durch Akteneinsichtnahme detaillierte Motive und vielseitige Gründe der Übersiedler darlegen, die bisher so nicht beleuchtet worden waren. (dbk)